Patres, Landschaft, Landwirtschaft
| Aus Kloster St. Pius X |
Father Jerry, zuständig für den Ayurveda-Bereich des Klosters, hat seine Priesterausbildung in diesem Kloster durchlaufen. Das ist ein eher zufälliges Beispiel von Kontinuität, denn die Karmeliter-Priester werden normalerweise alle drei Jahre an einen anderen Ort mit anderen Aufgaben versetzt. In Ausnahmefällen können die Vorgesetzten auch entscheiden, dass ein Priester längere Zeit auf seiner Stelle bleibt. Die Vorgesetzten selbst wechseln jedoch ebenfalls alle drei Jahre die Zuständigkeit. Das Rotationsprinzip ist möglicherweise nicht immer gut für den Erfahrungstransfer und die Kontinuität. Andererseits, so Father Jerry, kann man einigermaßen sicher sein, dass man einen unliebsamen Chef nicht länger als drei Jahre ertragen muss. Wenn man sich einer Firma auf Lebenszeit verschrieben hat, ist das sicher von hohem Wert.
Fünf Fathers leben im Kloster und verantworten seinen Betrieb. Sie sind jung, agil und cool. Allein der neu gebackene Superior wirkt ein wenig gesetzter. Da es seine erste Vorgesetztenstelle ist, ist er noch etwas nervös, schätzt Father Jerry die Sache ein. Ihr Gelübde lautet "Armut, Gehorsam, Keuschheit". Früher habe man darunter absolute n Gehorsam verstanden, heute sei Selbstverantwortlichkeit gefragt. Offensichtlich blödsinnige oder gar unethische Ansinnen von Vorgesetzten müsse man nicht ausführen und könne man an anderer Stelle zur Sprache bringen.
Jeder der fünf Fathers leitet eine oder mehrere der Klosterinstitutionen: Seminar, Waisen, Gästehaus für Pilger, Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Ayurveda-Klinik etc. Die morgendliche und abendliche Messe wird reihum gehalten. Obwohl mit Lehrern, Personal und Pächtern mehrere hundert Personen in der Obhut der Fathers stehen, beschränken sich diese nicht auf das Organisieren und Anweisen. Der Geist des "hier packt jeder mit an", der auch bei den Waisen spürbar ist, bezieht die Fathers mit ein. Als mich Father Jerry an einem Sonntag durch das Kloster führt, sehe ich die anderen Fathers im Gästebereich die Bettwäsch abziehen und Zimmer kehren, den Superior eingeschlossen. Denn Sonntags hat das Hauspersonal frei.
Landschaft
| Aus Kloster St. Pius X |
Das Kloster liegt 1300 Meter hoch auf einem Sattel oberhalb des Talbodens. Der Blick nach Westen über den See geht auf rund 2000 Meter hohe, schroffe Berge, aus deren Dschungelgrün große Felswände grau und schwarz hervortreten. In östlicher Richtung fällt das Gelände nach 500 Metern steil ab, hier windet sich die Straße in einem knappen dutzend Serpentinen ins Dörfchen hinab. Das Hauptdorf Marayoor liegt drei Kilometer weiter am gegenüberliegenden Hang des Tales, das auf drei Seiten von Bergen umgeben ist. Die Ränder dieser Schüssel sind echter, wilder Regenwald, im dicht besiedelten Indien eine Seltenheit. Was unbedarfte Europäer üblicherweise für Dschungel halten, ist in Wirklichkeit Agrarkultur in mehreren Stockwerken. Am Boden Feldfrüchte, beschattet von niedrigen Büschen und Obstbäumen, darüber das hohe, lichte Dach der Kokospalmen und Mangobäume. So sieht ein typischer Hausgarten im tropischen Kerala aus.
Auf den Höhen rund um Marayoor hingegen ist der Dschungel echt. Ein hoher, von Stacheldraht gekrönter Zaun schützt ihn vor Eindringlingen, denn er besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Sandelholzbäumen, die wegen ihres süßen Duftes sehr wertvoll sind und gerne gewildert werden. Die eine oder andere Affenherde streunt von dort gelegentlich durch die Gärten und durchs Dorf. Tiefer und höher im Regenwald leben wilde Elefanten, die bei schlechter Nahrungsversorgung alle paar Jahre in die Täler ziehen und sich in den bewässerten Gärten versorgen. Am Klostersee waren sie auch schon zu Besuch. Fels- und Königspythons jagen die Bergziegen und auch der eine oder andere Tiger streift gerüchteweise durch das Grün, jedoch eher im Nachbartal. Der Zutritt zu dem stacheldrahtbewehrten Naturschutzgebiet ist nur mit Sondererlaubnis möglich. Doch es leben auch Menschen dort. Sie gehören zu dem Tribals, den "Stämmen", die auf Indiens Urbevölkerung zurückgehen und rund 7% der heutigen Bevölkerung ausmachen, immerhin 70 Millionen. Sie leben noch immer in ihren Jahrtausende alten Dorfkulturen, verehren auf animistische Weise Bäume und andere Naturbestandteile, haben aber auch den einen oder anderen Hindugott adoptiert, Favorit ist die Zerstörerin Kali. Auch wenn ihr Status seit der Unabhängigkeit gesetzlich geschützt ist, gehören sie zu den am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
Landwirtschaft
| Aus Kloster St. Pius X |
Zum Kloster gehören 145 Hektar Land. Das meiste davon ist an Kleinbauern verpachtet, die ihre Ernte auf dem Markt verkaufen und dem Kloster ein Drittel des Erlöses an Pacht bezahlen, die dreizehn Hektar direkt am Gebäude werden mit Hilfe von rund 25 Landarbeitern und Arbeiterinnen selbst bewirtschaftet. Berühmt ist Marayoor für seinen Rohrzucker, den Jaggery. Der Boden in diesem Tal ist besonders salzarm und deswegen ist auch der Zucker von besonders reinem Geschmack. Die mannshoch bewachsenen Zuckerrohrfelder werden dreimal im Jahr abgeerntet. Fast jeder Bauern hat seine eigene Zuckerküche, wo in einer flachen Messingschüssel von ein bis zwei Metern Durchmesser das Zuckerrohr ausgekocht und der leicht faserige, braune Shaggery von Hand zu faustgroßen Kugel gerollt wird. Weitere Leckerbissen der Region sind Zitronengras und wilder Honig aus dem Regenwald. Ansonsten werden auf den terassierten Felder Reis und Gemüse angebaut, darunter exotische wie Maniok, Drumsticks und Bittergum, aber auch profane wie Kohl und rote Beete.
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