Käse am Kopf - Ayurveda-Kur, die Dritte
| Aus Kloster St. Pius X. |
Marayoor, Indien, Mai 2011: Seit vier Wochen schmiere ich mir ein Pulver auf Gesicht und Haare, das den Geruch und die Konsistenz von Parmesan-Käse hat. Aber: Ich habe es falsch gemacht. Das käsige Pulver ist das Körperpuder, das nur mäßig besser riechende, graue Pulver das für den Kopf. Weil mir solche Verwechslungen in letzter Zeit öfter passieren, bin ich hier: In einer Ayurveda-Klinik in einem Kloster in den Bergen von Kerala, Indien.
Der untypische Arzt
Es ist schon meine dritte Ayurveda-Kur, aber das mit den Pulvern ist mir neu. Sie werden nach der Ölmassage und vor dem Duschen aufgebracht (Anfangs habe ich sie nach dem Duschen aufgebracht… ), um die Nerven zu aktivieren. Auch das mit dem Duschen ist mir neu. Eigentlich bin ich es gewohnt, mindestens eine Woche lang ölig zu sein und zu riechen und am siebten Tag allenfalls vorsichtig gewaschen zu werden. Diesmal darf ich nach jeder Behandlung duschen, normalerweise ein No-Go in der Ayurveda-Behandlung, bei der man alle möglichen Dinge meiden soll: Neben dem Duschen auch das Sonnenbaden, Wandern, Lesen, Fernsehen, Sex, Schwimmen und im Regen nass werden. Um nur die wichtigsten Verbote zu nennen.
Nicht nur einige Details der Behandlung sind anders, der ganze Arzt ist untypisch. Normalerweise sind indische Ärzte nicht sehr gesprächig und antworten auf Fragen eher knapp und oft kryptisch. Das ist der indischen Kultur geschuldet, in der die Patienten die Ärzte noch heute so wenig fragen (und schon gar nicht hinterfragen), wie wir bis in die 60er Jahre in Deutschland. Was uns Deutsche des 21. Jahrhundert befremden und verunsichern kann, wenn wir uns in dieser doch sehr fremden Welt Indiens einem Arzt anvertrauen sollen.
Es gibt aber auch einen therapeutischen Grund für diese Kargheit an Kommunikation zwischen Ärzten und gerade deutschen Patienten. Die meisten Deutschen sind hier, weil sie Krankheiten haben, die nach Ansicht der Ärzte unter anderem von zu viel Denken und sich Sorgen verursacht werden. Die Ärzte wollen dem nicht neue Nahrung geben, denn sie beobachten, dass selbst ausführliche Antworten den deutschen Patienten oft nur Anlässe für weitere Fragen und Unsicherheiten geben.
Das System des Ayurveda ist nun einmal nicht in ein paar Tagen oder Wochen zu verstehen und schon gar nicht kann man aufgrund populärwissenschaftlicher Bücher aus Deutschland die Diagnosen, Anwendungen und Behandlungen des Original-Ayurveda beurteilen. Dafür müssen indische Ärzte immerhin 5 Jahre studieren. In der für sie exotischen Umgebung haben deutsche Patienten aber ein starkes Bedürfnis danach, sich in guten Händen zu wissen und dies durch Abgleich mit ihrem Halbwissen zu verifizieren. Insofern nützt das große Schweigen recht wenig. Die Divergenzen und Wissenslücken werden von den Patienten im Gespräch untereinander geschlossen oder noch vergrößert, indem verschiedene Versionen von Halbwissen aufeinander treffen. Je nach Gruppendynamik breitet sich dann Vertrauen oder Misstrauen aus und das Verhältnis zu den Ärzten leidet manchmal erheblich.
| Aus Kloster St. Pius X |
Dr. David jedenfalls ist die Ausnahme. Er nimmt sich jede Menge Zeit, fragt mir Löcher in den Bauch, nicht nur zu meiner Person, sondern zu allen möglichen Themen, und antwortet freizügig auf jede Frage. Bei jeder Mahlzeit sitzt er am Tisch und am späten Nachmittag gehen wir zusammen spazieren. Dies nicht nur zu meinem, sondern auch zu seinem Nutzen: Er braucht dringend Bewegung und ich spiele den Motivator.
Während diese Klinik für seine Vorgänger eher eine Notlösung oder Sprungbrett war, hat er sich bewusst dafür entschieden und eine besser dotierte Stellung in einem Ayurveda-Hotel an der Küste aufgegeben. Wie die Initiatorin dieser Klinik, Karin Drexler, hat er sich in den Ort und seine besondere Atmosphäre verliebt und hofft, von den "Vibrations" hier selbst eine Steigerung seines Wohlbefindens zu erleben. Insofern er bereits Erfahrung mit westlichen Patienten hat und ausdrücklich eine leitende Stellung zugunsten einer Arbeit mit mehr Patientenkontakt aufgab, ist er mit seinen 56 Jahren und der entsprechenden Erfahrung sicherlich eine sehr passende Besetzung.
Die Behandlung
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| Aus Kloster St. Pius X |
Schwerpunkt dieses Berichtes sind weniger die Inhalte der Kur oder die spezifische Behandlung, sondern der Ort, an dem diese Kur stattfindet, sowie die beteiligten Personen. Wie eine Ayurveda-Behandlung im Allgemeinen abläuft ist hier beschrieben. Dort und in einer weiteren Reportage wird auch berichtet, wie sich bestimmte Behandlungen anfühlen. Hier nur soviel: Ich bekam auch wieder Stirngüsse mit Molke, die sich geruchlich recht hartnäckig in den Haaren festsetzt und dem Titel dieses Berichtes eine weitere Grundlage gibt. Neu für mich waren Kopfmassage und Gesichtsmaske. Erstere beinhaltet auch leichte Schläge auf den Hinterkopf, was bekanntlich das Denkvermögen fördert und sich tatsächlich überraschend belebend anfühlt - wenn fachmännisch ausgeführt. Die Gesichtsmaske hinwiederum war vor allem ein optisches Highlight aus goldfarbener Pampe mit Gurkenscheiben auf den Augen.
Wie immer waren die Masseure eher rau und herzlich als zart und fühlend. Nach drei Tagen Kopfmassage waren meine Ohren von den rauen Händen wund. Manchmal wünscht man sich eine zartere weibliche Hand, aber das wäre ein Verstoß gegen die guten Sitten. Aber den Mund aufmachen hilft auch.
| Aus Kloster St. Pius X |
Allgemein betrachtet kann ich nach drei Ayurveda Kuren und dem Einblick in sechs verschiedenen Hospitals sagen, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen und das Niveau der Behandlung generell hoch ist. Es gibt aber auch Spielraum für den persönlichen Stil des Arztes oder der Klinik.
So würde ich sagen, dass in den Kliniken der Klinikgesellschaft Sree Sankara Gardens ein sehr klassisches Ayurveda betrieben wird, mit relativ großer persönlicher Distanz zum Patienten. Der Arzt ist hier noch Halbgott in weiß (wobei Ayurveda Ärzte keine Kittel tragen, aber bei SSG sehr korrekt gekleidet sind) und das individuelle Freiheitsbedürfnis der Westler findet nur bedingt Verständnis, wird eher als Disziplinlosigkeit und Dekadenz empfunden. Die indische Kultur mit ihren zumindest noch teilweise intakten Familienstrukturen und Werten wird als überlegen angesehen und dabei übersehen, dass sie in etwa den Gegebenheiten entsprechen, die im Westen vor 100 bis 200 Jahren ebenfalls noch herrschten. Dass das Individuum damals auch bei uns besser von Netzwerken getragen war ist die eine Wahrheit. Die andere, dass auch in Indien diese Netzwerke den jungen Indern mit zunehmender finanzieller Unabhängigkeit und der Möglichkeit der Empfängnisverhütung zu eng werden, woraus mannigfache individuelle, familiäre und gesellschaftliche Konflikte entstehen, die nicht nur gewaltfrei ablaufen. Die indische Gesellschaft tut sich dabei mit der Modernisierung möglicherweise schwerer als die europäisch-amerikanische es getan hat. Letztere konnte die Säkularisierung des Alltags und die Gleichberechtigung der Frau zu Zeiten integrieren, zu denen der technische Fortschritt weniger schnell war und den Alltag weniger radikal verändert hatte. Die Inder werden vom technisch-medial bedingten Wandel der Gesellschaft in weit höherem Tempo überrollt. Konservativismus und Überlegenheitsgefühle sind Möglichkeiten, sich diesen Wandel nicht zu stellen.
Zu diesem Bild passt, dass bei Sree Sankara einige Ärzte Guru-Status haben und auch sehr alte, lange nicht praktizierte Verfahren des Ayurveda wieder rekonstruiert und angewendet wurden, etwa die Verjüngungskur Rasayna Chikitsa, bei der der Patient in einer eigens für diesen Zweck gebauten Hütte 40 Tage im Dunkeln isoliert wird. Gewiss keine Kur für den Durchschnittspatienten.
Dr. Darly James mit ihrer kleinen Privatklinik in Alleppey hingegen ist ein Rebell. Gelernt hat sie bei einem der Gurus von Sree Sankara: Prof. Dr. Sasidharan, Trivandrum, inzwischen emeritiert. Praxiserfahrung sammelte sie in den Kliniken von Sree Sankara und deren Manufakturen für die Herstellung von Medikamenten. Mit Ende Dreißig machte sie sich als Frau selbstständig, schon das erfordert in Indien eine rebellische Einstellung. Ihr Umgang und Auftreten sind vollkommen unkonventionell. Wenn sie nicht gerade in offizieller Mission als Health Officer der Behörden unterwegs ist, konsultiert sie auch gerne mal im Jogging Anzug. Ebenso unkonventionell ist ihr Ayurveda. Sie hält sich nicht an die Fristen, die für Behandlungen gelten, schichtet mehrere Behandlungsphasen zeitgleich übereinander und schießt aus allen Rohren mit Medikamenten von früh bis spät. Ihre Konsultationen sind äußerst kurz, weil sie, wie sie sagt, die Patienten "spürt", und aufwendige Gespräche daher weder erforderlich noch hilfreich seien. Sie produziert viele Medikamente in der eigenen Medikamentenküche, der Garten ist voller Heilpflanzen. Ihre hohe, magere Gestalt kommt nie zur Ruhe und ein Feuer brennt in den dunkel unterschatteten Augen, von dem man befürchten kann, dass es sie eines Tages verbrennt.
Wie ihr Lehrmeister, Dr. Sasidharan, haftet ihr etwas Geniales an und es gibt Patienten, die sie mit ihm fachlich auf eine Stufe stellen. Doch lässt sie sich nicht als Guru verehren, sondern ist ein eher verschlossener Einzelgänger, der mit dem Kopf durch die Wand das klassische Ayurveda umkrempelt und höchst individuell anwendet.
Dr. Ranjit David hier im Kloster St. Pius X. ist eher der ruhige Typ. Sein Umgang ist herzlich und familiär, weder Genie noch übersteigertes Traditionsbewusstsein stehen seiner persönlichen Beziehung und Sympathie zu den Patienten im Wege. Auch er legt wenig Wert auf Form und wenn man seinen morgendlichen Verdauungstee in der Küche holt, dann kann man ihn verpennt im Lunghi erleben, sich ebenfalls seine Tasse Tee abholend. Er isst mit den Masseuren, Krankenschwestern und Putzfrauen in der Küche und verbringt seinen Abend mit ihnen, von Standesdünkel keine Spur. Er kämpft mit Bewegungsmangel und Übergewicht sowie der immer wieder aufflammenden Gier nach Zigaretten. Dass er mit 56 im Leben auch schon ein paar Schlachten verloren hat, macht ihn demütig und verständnisvoll.
Dabei lässt er an seiner Autorität keinen Zweifel, weder gegenüber Personal noch gegenüber dem Patienten. Aber er ist in der Lage ein formales Ayurveda zugunsten individueller Bedürfnisse und Freiheiten für seine Patienten abzuwandeln. Wo Sree Sankara Kompromiss und Minderung der reinen Lehre sieht, regt er mit Augenmaß Patienten zu Abweichungen an, die ihr Wohlbefinden und die Complience erhöhen. So hebt er das generelle Duschverbot des klassischen Ayurveda auf und beschränkt es auf die Fälle, wo die spezifische Behandlung es wirklich erfordert. Er schickt die Patienten an die frische Luft und rät auch zu ausgiebiger Bewegung, wenn das dem Patienten und der Behandlung entspricht. Mit wachem Auge wird die Verfassung des Patienten engmaschig verfolgt. Zeigen sich Zeichen von Überanstrengung oder Irritationen, so zögert Dr. David nicht, Spaziergang, Yoga oder Obstgenuss auszusetzen, bis sich die Lage wieder stabilisiert hat. Das Grundmuster seiner Behandlung ist klassischer als bei der rebellischen Darly James und auch viel sparsamer an Interventionen. Das Wesentliche treffen, den Patienten nicht überlasten und den Überblick über die Auswirkungen jeder Behandlung im Auge behalten, ist seine Maxime. Und das bedeutet: Nicht zu viel auf einmal.
Yoga
Ein Highlight meines Aufenthaltes war Yoga bei Rafeek Marikar. Wer sich auskennt, wird am Namen bereits den Moslem erkennen. Das - und nicht so sehr das Interesse an der Person - ist übrigens der Hauptgrund, warum man in Indien ständig und auf offener Straße nach seinem Namen gefragt wird: Die Inder erkennen daran Glaubenszugehörigkeit und Kaste und das brauchen sie, um sich gesellschaftlich sicher zu fühlen. Offiziell sind Kasten zwar seit Gandhi abgeschafft, aber informell spielen sie immernoch eine zentrale Rolle.
Mr. Marikar entstammt einer reichen Unternehmerfamilie, die zeitweise zu den reichsten Sippen in Indien gehörte. In der Endphase der Kolonialisierung hatte sie einige Exklusivverträge mit den Engländern. Das Familienschicksal nahm eine dramatische Wende als Marikars Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. die Sippe zerbricht und verliert weitgehend ihren Einfluss - wenn auch die Mitglieder weiterhin hohe Positionen in Wirtschaft und Wissenschaft innehaben.
Rafeek ist der Rebell in der Familie. In seiner Jugend bekämpft er den Vater und wird Kommunist und Atheist. Obwohl der den unternehmerischen Instinkt seiner Familie geerbt hat, verweigert er sich der Karriere im Familienunternehmen und strebt statt dessen nach Besitzlosigkeit. Er heiratet weit unterhalb seiner gesellschaftlichen Schicht eine psychisch labile Frau. Schließlich bringt ihn eine gesundheitliche Krise an den Rand der Verzweiflung. Er findet einen Yoga-Meister und stabilisiert seine Gesundheit, ganz gesund wird er nicht mehr, aber mit Hilfe seines Yoga mobiliert er auch als "Kranker" mehr Energie als so mancher Gesunder. Schließlich wird er selbst Yoga-Lehrer. Er lernt Akshara-Yoga, einen Begriff, der einen bei einer Google Suche nicht viel weiter bringt, lediglich die Bedeutung aus dem Sanskrit ergibt sich da: Unendlichkeit. Sein Lehrer scheint keiner von denen zu sein, die eine große Schule und Anhängerschaft haben, schon gar nicht im Westen.
Auch Marikars Existenz ist bescheiden und soll es wohl auch bleiben. Ohne die Unterstützung seiner Schwester, einer Ärztin, könnte seine Familie nicht existieren. Dafür widmet sich Marikar mit Hingabe den kleinen Leuten am Wegesrand. Jedes Mal, wenn er aus seiner Heimatstadt Munnar über den Pass nach Marayoor zum Kloster kommt, hat er wieder einen Busfahrer behandelt oder den Inhaber einer der kleinen Ladenbuden, die man überall am Straßenrand sieht und sich fragt, wie die vom Verkauf einiger Bananen, Süßigkeiten und Haushaltsgegenstände existieren können. Dass er den Auftrag angenommen hat, hier im Kurkloster auch westliche Patienten zu behandeln, fällt deutlich aus dem Rahmen seiner normalen Tätigkeit - gibt aber seinem Bedürfniss nach intellektuellem Austausch Raum.
Im Laufe seiner Ausbildung ist Marikar zum Hindu konvertiert. Das ist eine unkomplizierte Sache, denn der Hinduismus ist wohl die universellste und offenste aller Religionen, ungeachtet des Fanatismus einiger Radikaler, die in Indien aus dem Hinduismus politisches Kapital schlagen wollen. Aus Sicht des Hinduismus sind alle Götter ein Gott. Da werden Jahwe und Allah und was es sonst noch an Göttern gibt, einfach in den ohnehin schon reichhaltigen hindusistischen Panteon eingemeindet. Ob nun Krishna, Vishnu oder Kali, Jahwe, Allah oder die animistischen Gottheiten der indischen Ureinwohner - alles sind nur verschiedene Erscheinungsformen des einen Gottes - und insofern ist eigentlich jeder Mensch automatisch Hindu.
Manchmal allerdings merkt man, dass in dem offenen und toleranten Hindu noch der radikale Kommunist steckt - und der Kommunismus kennt bekanntlich nur eine Wahrheit und hat es nicht so mit der Toleranz. Das kommt zum Beispiel zum Ausdruck, wenn Marikar die Überlegenheit seines Yogas gegenüber dem Ayurveda in Anspruch nimmt. Mein Hinweis, da sei er vielleicht immernoch ein wenig "kommunistisch" in der Geisteshaltung, bringt ihn aber derart zum Nachdenken, dass er stundenlang meditiert und schließlich zugibt, dass er ein bisschen verbohrt sein kann. Diese Ringen um Wahrheit und Klarheit ist sicher einer der grundlegen Charakterzüge von Marikar: Hier lebt einer absichtlich eine kleine Existenz, hat aber große Gedanken, die vor allem ihn selbst umtreiben und manchmal beuteln. Dass er - wo er einen aufnahmebereiten Geist trifft - darüber auch berichtet und lehrt, tritt hinter dem persönlichen Ringen eher zurück. Dennoch können seine Ausflüge in die indische Philosophie beträchtliche Ausmaße annehmen. Besonders bei der morgendlichen Yogasitzung um 7 Uhr bin ich damit deutlich überfordert und meine Augen werden glasig. Auch hier hilft es, den Mund aufzumachen und so widmen wir uns morgens eher den Übungen, die meinen Kreislauf in Schwung bringen und verschieben die philosophischen Erörterungen auf die abendlichen Heil-Sitzungen.
Denn zum Yoga von Marikar gehört ausdrücklich auch das Heilen. Natürlich haben schon die Übungen heilende Effekte, aber darüber hinaus legt Marikar auch Hand auf und lehrt, dass dies im Prinzip jeder könne. Allerdings empfiehlt er dem Laien, dies nur im Familenkreise anzuwenden, denn als Heiler müsse man sich gelegentlich auch mit den negativen Energien der Patienten auseinandersetzen und das sei für den Ungeübten nicht ungefährlich.
Sein Yoga selbst ist praktisch und unkompliziert. Die Übungen unterscheiden sich nicht von denen des verbreiteten Hatha-Yogas, jedoch sind Reihenfolge und Kombination durchaus speziell. So lehrt Marikar, mit Meditation und Atemübungen zu beginnen, statt sie an den Schluss zu setzen. Zum einen, weil dies der wichtigste Teil des Yogas sei - und wenn man den an das Ende der Sitzungen stelle, dann neige man eher dazu, ihn kurz oder auch ganz ausfallen zu lassen. Zum andern lehre er ein Yoga, das in die Welt hinein führt und nicht aus der Welt heraus. Wenn man, wie es traditionell der Fall ist, die Meditation an das Ende stelle, dann bestehe die Gefahr, dass man eher nach innen oder dem Universum orientiert aus der Sitzung komme, statt sich auf die praktischen Dinge in der Welt zu konzentrieren. Physiologisch fährt der Kreislauf beim Meditieren herunter und man schläft gerade am Morgen vielleicht einfach wieder ein. Da ist es tatsächlich günstiger, die Sitzung mit kreislaufstimulierenden Asanas zu beenden.
Als Gedächtnisstütze erhalte ich eine mit Kugelschreiber gezeichnete Anleitung, von Hand kopiert und geheftet. Strichmännchen verdeutlichen die Positionen. Dazu Merksprüche, die ganz den pragmatischen Ansatz von Marikar unterstreichen: "Yoga should be developed gradually... It is user-friendly, hence ... practicable." Verbiegen muss man sich bei ihm nicht. Er selbst ist auch kein Gummimännchen. Das Ziel sei nicht, die Positionen akrobatisch zu perfektionieren. Dazu müsse man schon als Kind beginnen und dann dran bleiben. Nein: Yoga soll ohne Leistungsdruck dem Leben ein Fundament geben: "Yoga for Life - the right decision & right action". Letztlich diene Yoga dazu, sich auf Gott einzuschwingen und sich seiner Führung anzuvertrauen. Das Leben würde dadurch einfacher, wenn auch nicht unbedingt leichter. Ein feiner Unterschied, mit dem ich etwas anfangen kann.
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