Frauen haben das Recht, unglücklich zu sein

Frauen sind weniger glücklich als vor vierzig Jahren. Das ist logisch und völlig in Ordnung, meint «Magazin»-Autorin Michèle Roten.

Eine Studie hat ergeben, dass Frauen im Verlauf der letzten vierzig Jahre unglücklicher wurden. Ein bemerkenswerter Befund. Was könnte der Grund dafür sein? Mal überlegen. Sinkt die Stimmung, weil es mit Mutter Erde bachab geht? Moment, das müsste sich ja auch auf Männer auswirken. Hat vielleicht die Pille einen negativen Einfluss auf den Dopaminhaushalt? Dafür gibts keine Belege. Hm. Was hat sich denn verändert für Frauen in den letzten vierzig Jahren? Ach so, na klar! Die Emanzipation! Was Männer schon immer geahnt haben und die starrköpfigen Weiber nicht wahrhaben wollten, jetzt ist es offiziell, schwarz auf weiss: Die Emanzipation macht Frauen unglücklich.

...

Wie mit solchen Studien umgehen?

Es gibt zwei Arten, mit dieser Studie umzugehen: Sie einfach nicht ernst zu nehmen, sie (erst mal aufs Geratewohl) als nicht valide zu erklären, die Operationalisierung anzuzweifeln — denn, wie bei jeder Untersuchung, würden andere Testverfahren das Gegenteil ergeben. Möglichkeit Nummer zwei: die Ergebnisse als Fakt anzunehmen. Allerdings gibt es dann nur eine einzige Lesart.

Und zwar: Ja, verdammt, Frauen heute sind unglücklicher als vor vierzig Jahren — nicht gleichzusetzen allerdings mit unglücklich schlechthin —, und das ist gut so! Es ist ein Preis, den wir mit Freude zahlen. Ist doch nur logisch: Mit Freiheit, mit Selbstbestimmung kommen Möglichkeiten, mit Möglichkeiten kommen Entscheidungen, mit Entscheidungen kommen Probleme, Stress, Druck und viele unangenehme Sachen mehr. Das ist allerdings vollkommen in Ordnung, denn was zählt ist nur, dass das Unglück selbst gewählt ist. Das ist Freiheit! Das Recht auf Unglück gehört somit einfach zu den vielen Rechten, die wir erst zu spät erhielten. Oder um es mit dem grossen Liberalen John Stuart Mill zu halten: «Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein.» Unter dieser Prämisse sollte man sich folgende Faktoren zur Interpretation der Ergebnisse mal durch den Kopf gehen lassen.

Deutungsversuche

* Natürlich ist eine Frau, die gebildet ist, einen Beruf ausübt, der sie wirklich interessiert, einen Mann will, der ihr wirklich gefällt, sich Freunde sucht, die ihr wirklich was geben, und Kinder macht, wenn sie wirklich bereit ist dafür — sprich sich eine sehr komplexe Situation geschaffen hat —, bei Stichproben unglücklicher als die Hausfrau und Mutter; weil bei ihr die Zufriedenheit auf mehr Ebenen kranken kann als bei der, die ihre ganze Konzentration darauf verwenden kann, dass die Familie gut läuft.
* Mit dem steigenden Bildungsgrad der Frauen und den psychologischen Interpretationsmustern, die uns heute zur Verfügung stehen und mit denen man das eigene Leben hinterfragt, stösst man immer auf Mängel. Besonders Frauen, da die Standards für seelisches Wohlergehen etwas sehr Weibliches sind.
* Verantwortung, die unweigerliche Fortsetzung von Rechten und Pflichten, ist auch nicht primär ein Quell des Glücks.
* Wenn eine Frau arbeitet, bedeutet das also eine Möglichkeit mehr für Unglück, wenn sie nicht arbeitet allerdings auch — muss sie sich doch plötzlich vor sich selber und der Gesellschaft dafür rechtfertigen.
* Über die gesamte Zeitspanne der Untersuchung rapportierten Hausfrauen eine niedrigere Zufriedenheit mit ihrem Job als Frauen im Arbeitsmarkt. Allerdings ist der Trend der Zufriedenheit von Hausfrauen steigend — könnte das damit zu tun haben, dass die, die jetzt zu Hause bleiben, sich aktiv und bewusst dafür entschieden haben und ergo ganz glücklich sind damit?
* Mit der Gleichberechtigung und dem Arbeitsleben vergrössert sich der Pool an Menschen, mit denen sich die Frau vergleichen kann, um den Faktor Mann, also 50 Prozent: Und Konkurrenzdruck macht zwar besser, aber nicht unbedingt entspannter. Dazu kommt noch die stetig steigende Medialisierung und damit verbundene Überrepräsentation von anderen Lebenskonzepten, die ebenfalls dazu verleiten, sich an ihnen zu prüfen.
* Unsere Gesellschaft ist immer noch in patriarchalen Strukturen aufgebaut, Systeme ändern sich nur langsam. Gleichberechtigung bedeutet also momentan noch mehr die An- und Einpassung der Frau an und in eine männliche Welt mit männlichen Normen, das ist weder einfach noch besonders euphorisierend.
* Anders gesagt: Die von der Frauenbewegung geweckten Erwartungen entwickelten sich schneller als die gesellschaftliche Realität — das kann schon mal enttäuschend sein.
* Könnte es eigentlich sein, dass die Frauen 1972 nicht ganz so ehrlich waren? Könnte es sein, dass sie so geantwortet haben, wie es von ihnen erwartet wurde, nämlich, dass eine Frau dann glücklich zu sein hat, wenn sie verheiratet ist, mit erfolgreichem Ehemann und gesunden Kindern?
* Apropos Ehemann, ein ganz hübsches Beispiel dafür, wie verzerrungsanfällig empirische Untersuchungen sind: Man hat herausgefunden, dass verheiratete Menschen glücklicher sind als unverheiratete. Und man hat auch herausgefunden, dass glückliche Menschen einfach öfter verheiratet sind als unglückliche.
* Die Korrelation zwischen Glück und Eheglück ist übrigens tiefer bei Frauen, die arbeiten, als bei Frauen, die Hausfrau sind, und sie sank generell bei allen Frauen.
* Könnte es eigentlich auch sein, dass es Frauen grundsätzlich eher ausdrücken, wenn sie unglücklich sind als Männer, weil die Unglück eher mit Versagen konnotieren?
* Auch legitime Gründe für getrübtes Glück könnten die immer noch aufs schönste blühenden Missstände sein: Von Lohnungleichheit über Sexismus bis hin zum sogenannten Gläserne-Decke-Effekt — hochqualifizierte Frauen stossen auf dem Weg nach oben etwa beim mittleren Management auf eine unsichtbare Barriere.
* Eine These: Je besser es dem Menschen geht, desto mehr braucht es für ihn, um sich als glücklich zu bezeichnen. Ein Hinweis darauf könnte auch sein, dass die Selbstmordrate von Frauen im Sample gesunken ist, obwohl ja das subjektive Wohlbefinden gleichzeitig abgenommen hat.
* Es ist ja nicht so, dass mit den neuen Erwartungen ältere verblasst wären — im Gegenteil: Wie man als Frau auszusehen hat ist ein grösseres Thema und Stresselement denn je. Jetzt arbeiten wir zwar wie die Tiere, so daherkommen wollen wir aber immer noch nicht. Und so ein hingejufelter Lidstrich kann wirklich absolut unglücklich machen.
* Generell stieg die Rate der Hochschulabsolventen im Verlauf der Studie drastisch: 1970 waren es gerade mal ein Viertel der Erwachsenen, 2005 mehr als 50 Prozent. Besonders stark war der Anstieg bei Frauen, sowohl absolut als auch relativ: Bei der Kohorte der nach 1960 Geborenen haben sogar mehr Frauen einen Hochschulabschluss als Männer. Mit steigenden Löhnen für gut ausgebildete und sinkenden oder stagnierenden für den Rest wurden Männer mit Hochschulabschluss glücklicher, während die ohne unglücklicher wurden. Und dann das: Frauen quer durch alle Bildungsschichten wurden tendenziell unglücklicher, am deutlichsten allerdings die mit Hochschulabschluss.
* Wie war das noch mal? Gebildete Frauen haben mehr Probleme, einen Mann zu finden?
* Und für alle Männer, die immer noch nicht glauben wollen, dass Emanzipation eine gute Sache ist: Der andere bemerkenswerte Befund der Studie ist, dass Männer heute glücklicher sind als noch 1972. Und woran könnte das liegen? Hm. Hat vielleicht ja auch mit der Emanzipation zu tun! Vielleicht sind sie glücklicher, weil jetzt, wo die Frau auch arbeitet, nicht mehr die ganze finanzielle Verantwortung für die Familie auf ihren Schultern liegt? Vielleicht, weil der Mann jetzt auch mal gezwungen wird, etwas kürzer zu treten und Zeit mit den Kindern zu verbringen und merkt: macht Spass (der Arbeitsanteil von Männern fiel von 80 auf 73 Prozent)? Vielleicht, weil durch das Rütteln an der weiblichen Geschlechterrolle das ganze Gefüge etwas gelockert wurde und damit auch dem Mann mehr Platz geschaffen wurde? Vielleicht, weil es toller ist, mit einer Frau Sex zu haben, die weiss, was sie will und es auch tut, als mit einer, die «einfach ein bisschen bescheidener ist»?

Mehr: Das Recht der Frau auf Unglück - News Leben: Gesellschaft - thurgauerzeitung.ch

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

Bookmark and Share

Neueste Kommentare