Mehr Gleichberechtigung durch sozialen Abstieg?
Männer sind inzwischen vermehrt auch von unsicheren Arbeitsverhältnissen betroffen. Kann der Wandel der Erwerbsarbeit zu einem Wandel der Rollenbilder führen?
Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder, was unter anderem mit der Veränderung männlicher Rollenbilder zu tun haben könnte. Männliche Akademiker entscheiden sich inzwischen öfter für Teilzeitarbeitsmodelle, um mehr in der Familie präsent zu sein. Ihre Frauen können so Kind und Beruf besser vereinbaren. Doch die meisten Männer mit Haupt- und Realschulabschluss wollen eigentlich an der traditionellen Rollenverteilung festhalten. Sie wollen die Ernährer bleiben.
Die Teilnehmer einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass gerade diese Männer oftmals zum "abgehängten Prekariat" gehören, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung das Phänomen überschrieb. Sie haben kaum die Chance, ihre Vorstellung des männlichen Rollenbildes mit ihrer Erwerbsbiografie zu vereinbaren. Wer Alleinverdiener sein will, muss eben auch genug verdienen.
Thomas Gesterkamp hat schon von der "Krise der Kerle" geschrieben, als das Thema noch nicht in den Medien auftauchte. Der Kölner Soziologe promovierte über männlichen Lebensstil und den Wandel der Arbeitsgesellschaft. Er erklärt: "Arbeit ist im umgangssprachlichen Sinne Erwerbsarbeit. Aber eigentlich ist das, was Frauen in der Gesellschaft machen, Fürsorge oder Erziehung, auch Arbeit. Es ist eine tragende Säule unserer Gesellschaft. Das Normalarbeitsverhältnis der Männer hat immer darauf beruht, dass eine gute Seele im Hintergrund war."
Für Frauen ist all das nicht neu. Sie arbeiten häufig in Teilzeit, mit Niedriglöhnen, mit befristeten Verträgen oder in Minijobs. Irgendeiner musste sich schließlich um die Familie kümmern. Klaus Dörre beschreibt die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt so: "Früher war Prekarität ein Phänomen der sozial Randständigen. Heute sind zunehmend auch andere soziale Gruppen von der Gefahr unsicherer Arbeitsverhältnisse betroffen. In erster Linie Männer erleben diesen Prozess als sozialen Abstieg. Für Frauen, die schon immer von prekären Arbeitsbedingungen betroffen waren, ist das eine ganz andere Perspektive."
Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern kommt so ins Wanken. Sie, die früher ein kleines Gehalt dazuverdient hat, erlebt nun eine Aufwertung ihrer Tätigkeit. Ihr kleines Gehalt wird ein Teil der Existenzsicherung. Für ihn wiederum ist die Prekarisierung ein sozialer Abstieg.
Und dabei liegen in der Prekarisierung auch Chancen, sagt Thomas Gesterkamp: "Das Prekariat ist bisher negativ besetzt. Man könnte ja auch fordern, wir brauchen kurze Vollzeit oder lange Teilzeit für beide Geschlechter, das wäre ja eine sinnvolle gesellschaftliche Utopie, wenn man über egalitäre Rollenmodelle diskutiert. Ich würde das befürworten."
Männer : Prekäre Arbeitsverhältnisse verändern Rollenbilder | Leben | Nachrichten auf ZEIT ONLINE
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