Indien-Blog 1: Von Trivandrum nach Varkala
Ankunft Trivandrum, Hauptstadt von Kerala, dem südlichsten Bundesstaat Indiens. Im Flugzeug von Colombo kommend sitzen fast nur Inder; Berufspendler, die nach monatelanger Abwesenheit ihrer Familie zuhause einen Besuch abstatten. Schon beim Abflug ist die Disziplin eher lasch und die Stewardessen haben Mühe, die kichernden und schwatzenden dunklen Männer wenigstens beim Start zum Sitzenbleiben zu bewegen. Nach kaum einer Stunde rollt die klapprige alte Airbusmaschine in Trivandrum aus und schon erhebt sich ein junger Mann und will zum Ausgang streben. Ein älterer Graukopf stoppt ihn mit autoritärer Geste, nur um fünf Sekunden später selbst wie ein Tiger in den Gang zu springen, seinen Rucksack aus dem Gepäckfach zu reißen und als erster den Ausgang zu erreichen. Das ist das Signal zu einem allgemeinen Tumult.
Ausgehungert und zwei bis drei Stunden Fahrt vor mir lasse ich mich von Hianas in einer Straßenrestaurant führen, um ein Frühstück einzunehmen. Beim Überqueren der Straße hält mich Hianas fürsorglich am Arm. Das ist auch gut so, denn im hier üblichen Linksverkehr schaue ich prompt nach der falschen Seite und Hianas reißt mich zurück, bevor mich ein Schwarm Motorrikschas überrollen kann. Das Restaurant ist ein zur Straße offene, weiß gestrichene Kiste und hat eine kühle, leicht flackernde Neonbeleuchtung, die sich im Chrom und Resopal von sechs schmierigen Tischen widerspiegelt. Wir waschen uns die Hände an dem Waschbecken im Gastraum und Hianas bestellt Reisnudeln und Chickencurry. Dazu will ich einen Chai, den starken schwarzen Tee mit Milch und Zucker, den man hier an jeder Ecke bekommen kann. Gegessen wird mit den Fingern. Den Löffel den man mir höflicherweise reicht, benutze ich lieber nicht. Er schneidet mir schon in die Finger, den lasse ich lieber nicht in die Nähe von Lippen und Zunge. Ich bemühe mich, korrekt nur mit der rechten Hand zu essen, den die linke nimmt man hier traditioneller Weise um sich den … Arsch ab zu wischen. Zum Glück bin ich ein wenig im Training, da ich in diesem Jahr schon in Afghanistan war. Dort gibt es auf dem Land noch nicht einmal Höflichkeitslöffel.
Kurz beschleicht mich der Gedanke, dass ich mit diesem kulinarischen Abenteuer vielleicht meine geplante Ayurveda Kur riskiere, denn wenn ich mir hier was einfange, ist erst mal Scheißerei angesagt. Andererseits hat mich sowas noch nie erwischt. Gefährlich sind vor allem schlechtes Wasser und Rohkost. Das heiße Chickencurry erweist sich dann auch als ungefährlich und gut verträglich. An dieser Stelle schalte ich gleich mal um: Von „Was alles passieren könnte“ auf „Mir wird schon nichts passieren.“ Hier leben eine Milliarde Menschen, den meisten geht es einigermaßen gut. Da werde auch ich nicht untergehen, auch wenn die Knautschzonen hier auf allen Lebensgebieten deutlich kleiner ausfallen als gewohnt. Deswegen bin ich ja unter anderem hier: Um – wieder mal – zu erleben, dass mein Leben im reichen Deutschland ein absoluter Sonderfall ist und die Mehrheit der Menschen weltweit mit einem weit geringeren Komfort und Sicherheitsnetz auskommen muss und kann. Sich dem Leben und den Menschen anzuvertrauen, so fremdartig und durchgeknallt sie einem vorkommen mögen – darauf kommt es hier an. Und ich bekomme auch gleich Gelegenheit dazu.
Auf der Fahrt nach Varkala kommen wir an einem Kino vorbei und ich erwähne, dass ich in Indien noch nie im Kino war. Was hat man nicht schon alles darüber gelesen, wie aufregend ein solches Ereignis in diesem Land sein soll. Sofort lädt mich Hianas ein, mit ihm am nächsten Tag einen Film anzuschauen, in dem alle keralesischen Filmhelden auf einmal versammelt sind. Und mehr: Eine richtige keralesische Erfahrung soll es werden: Schnell, hart, aufregend.
Am nächsten Abend holt mich Hianas um 9 Uhr mit seinem Ambassador ab, wir lesen noch einen Freund auf, und ab geht es in eine keralesische Bar. Darin ist es sehr dunkel, aber man erkennt doch etwa fünfzehn Tische, an denen Männer sitzen, schwatzen und trinken. Nur über dem Bartisch selbst ist etwas Licht. Hianas ordert für uns drei: Einen halben Liter Wodka und drei 7Ups. Dann teilt er den Wodka gerecht auf drei Gläser und füllt mit 7Up auf. „Cheers!“ Dazu gibt es kleine Stückchen gebratenes Rindfleisch. Das ist in Indien selten. Kühe sind teuer und werden hauptsächlich wegen der Milch gehalten. Den Hindus sind sie außerdem heilig. Ich schließe also messerscharf, dass in dieser Bar in erster Linie Moslems verkehren, denen die Kühe nicht heilig sind und die beim Alkoholgenuss auch selbst nicht allzu heilig sind. Deswegen vielleicht die verhüllende Dunkelheit in der Bar. Nach zwanzig Minuten haben wir unseren Wodka vernichtet – schnell und hart wie echte Keralesen. Draußen gibt’s noch eine Zigarette und dann geht’s ab ins Kino.
Dort bin ich der einzige Westler und werde entsprechend angestarrt. Hianas und Kumpel geben ordentlich mit mir an. Das Kino fasst etwa 1000 Plätze, es ist knapp zur Hälfte gefüllt. Ungefähr alle 60 Zentimeter steht ein Platzanweiser, der unser Ticket kontrolliert. Hianas erklärt mir noch, dass dieser Film ein Benefizprojekt ist, bei dem alle wichtigen keralesischen Filmhelden ohne Gage mitgewirkt haben. Dann geht’s los. Der Film ist in der keralesischen Landessprache Maralayam, die unglaublich schnell gesprochen wird. Untertitel: Fehlanzeige. Hianas brüllt mir gelegentlich die wichtigsten Handlungszüge ins Ohr. Ich verstehe ihn kaum, denn der Film ist ohrenbetäubend laut. Der Versuch, alle keralesischen Filmhelden in einem Film unterzubringen, tut der Handlung nicht gut. Ständig tauchen neue Gesichter auf, die meisten verschwinden gleich wieder, nur eine gute Handvoll Figuren zieht sich durch. Auch wenn mir die Details entgehen, steht zweifelsfrei fest, wer die Bösen sind und wer die Guten. Und das, obwohl sich die männlichen Stars erstaunlich ähnlich sehen: In den Vierzigern, Schnauzbart, Pausbacken, Trommelbauch - lauter Dickerchen. Der spindeldürre Kumpel von Hianas zeigt auf das dickste Dickerchen und bezeichnet ihn als seinen Lieblingsschauspieler. Mir ist schon klar warum. Dick sein muss man sich in Indien erst mal leisten können.
Nach eineinhalb Stunden ist eine Pause von fünf Minuten und alle rennen zum außenliegenden Pissoir. In der zweiten Hälfte, weitere eineinhalb Stunden, kommt es auf verschiedenen Gebieten zur Klimax der Handlung: Das Liebespaar, Dickerchen und Dickerine, tanzt, singt und wird dann ermordet. Die anderen Dickerchen, Böse wie Gute, treten zum Showdown kickboxend gegeneinander an. Ein ungewohnter Anblick, wie da die Backen wabbeln und die Bäuche wobbeln. Ein böses Dickerchen springt aus dem dritten Stock in einen Swimmingpool, aber wider Erwarten wird das Wasser nicht vollständig aus dem Pool verdrängt. Das Ende ist blutig aber gerecht, die Bösen erleiden rechtzeitig vor Eintreffen der Polizei ihren verdienten Tod, das zu unrecht verdächtigte Dickerchen wird nach vollzogener Selbstjustiz umgehend rehabilitiert. Könnte auch ein amerikanischer Film sein.
Bei all dem verhält sich das Publikum verhältnismäßig zivilisiert. Stars werden beim ersten Auftritt johlend begrüßt, aber alles in allem sind die Publikumsreaktionen unter dem infernalisch lauten Sound des Filmes kaum auszumachen, das Mobiliar bleibt unbeschädigt. Ganz anders der Verkehrsstau vor dem Kino. Da wird geflucht, geschimpft und vor allem gehupt als ob es kein Morgen gäbe. Dabei ist es ein Uhr nachts und der Morgen schon recht nah. Meine beiden harten und schnellen keralesischen Begleiter jedenfalls bringen mich ohne weitere Umstände ins Hotel und gehen schlafen. Um sechs müssen sie als Kassierer eines Busses wieder auf der Matte stehen.
Mit diesem Bus fahre ich am nächsten Tag eine Runde mit. Meine beiden keralesischen Kumpel riechen noch ordentlich nach Wodka, ich womöglich auch. Trotzdem haben sie es voll drauf, den Bus genau in dem Moment abfahren zu lassen, wo der letzte neue Passagier den Fuß noch auf dem Boden oder der letzte Aussteiger den Fuß noch im Bus hat. Da wird mit scharfem Blick beobachtet und dann exakt an der Klingelschnur gerissen, während der Fahrer die Kupplung schon schleifen und dann auf Signal schnappen lässt. Maßarbeit in Tausendstel Sekunden.
Ich habe mir aus dem Hotel einen anderen deutschen Reisenden mitgenommen, weil es vielleicht nach dem Busfahren noch zum Fischen geht und das interessiert ihn sehr. Während wir durch das tropisch dampfende Kerala gondeln, unterhalten wir uns über Abenteuer beim Skifahren in den Alpen. Mit dem Fischen wird es erst mal nichts, aber Hianas und ich verabreden uns auf den nächsten Morgen um sechs. Da holt er mich tatsächlich fast pünktlich ab und fährt mit mir ins nächste Fischerdorf. Dort müssen die Fischer das ungewohnte Ansinnen erst mal beratschlagen. Denn in einem Boot das ernsthaft zum Fischen fährt, ist einfach kein Platz für einen Touristen. Da wird jede erfahrene Hand gebraucht, um das Netz auszubringen und wieder einzuholen. Auf der Rückfahrt sieht man die Fischer auf den Bänken ihrer Boote stehen, während der Fang - hoffentlich – jeden verfügbaren Raum im Rumpf einnimmt.
Für 2500 Rupies, etwa 40 Euro, finden sich zwei Fischer bereit, mich und Hianas hinaus zu fahren. Die Alternative: Auf einem Zwei-Mann Boot, eher Floß, kniend und paddelnd. Ich sehe den Jungs zu, die auf diesen Flößen versuchen, durch die Brandung wieder ans Ufer zu kommen. Alle werden nass. Fast alle fallen ins Wasser. In Anbetracht von Brille und Kamera kommt das nicht in Frage, der Preis für das große Boot wird akzeptiert. Also schleppt einer den Außenborder an, sieben weitere Kollegen müssen anpacken, das Boot in die Brandung zu schieben. Nach ein paar Mal heftigem Aufbäumen schnurrt das Boot über die ruhige See. Die knapp einstündige Fahrt ist nicht weiter spektakulär aber schön. Man sieht ein paar Delfinrücken, etliche Fischer, die von den besagten Flößen aus schnorchelnd Weichtiere von einem Felsen klauben, und schließlich werfen wir auch unser Netz aus. Nach 15 Minuten holen wir es wieder ein: Eine große Krabbe, eine kleine Krabbe und ein Einsiedlerkrebs waren so blöde, dieser fast virtuellen Demonstration der Fischerkunst auf den Leim zu gehen. Hianas bekommt 1000 Rupies für die gelungene Organisation. Das sind keine siebzehn Euro und für ihn drei bis vier Tageslöhne. Um neun bin ich zum Frühstück im Hotel und erzähle Seemannsgarn oder Anglerlatein und was auch immer.
Nachmittags fährt mich Hianas zum Bahnhof von Varkala, während er mit großen Gesten die Unannehmlichkeiten der indischen Bahn beschreibt: Kein Sitzplatz, Mordsgedränge und keine Luft zum Atmen. Viel lieber würde er mich selbst nach Alleppey fahren. Sein Preis ist mehr als fair aber immer noch dreissig Mal so hoch wie das Zugticket. Es kostet 36 Rupies für rund 200km, das sind ungefähr 60 Cent.
Wir haben noch Zeit für einen letzten Chai – aber nein, doch keinen Chai! Unversehens finde ich mich in besagter dunkler Bar wieder, ein halber Liter Wodka auf dem Tisch, aber ich weigere mich standhaft, die mir zugedachte Hälfte zu trinken. Ich belasse es bei einem Fingerbreit, während Hianas seine Hälfte in sich hinein schüttet. Ein letztes Mal fragt er, ob ich nicht doch mit dem Taxi, aber seine leicht auseinanderdriftenden Augen disqualifizieren ihn endgültig. Ich mache ein paar großväterliche Bemerkungen über die Gefahren des Alkohols, die wie zu erwarten auf tote Ohren stoßen. Er sei noch jung, seine Kindheit schwer gewesen, denn er habe früh seinen Vater verloren und schon als 5-Jähriger zum Familienunterhalt beitragen müssen. Mit meinem Geldgeschenk vom Vormittag habe er endlich mal ein neues Hemd kaufen können. Nun brauche er einfach sein gelegentliches Quantum, um seine Sorgen vergessen zu können. Er sei ja noch jung und das stehe ihm zu. Ich halte den Mund und das Herz wird mir schwer.
Beim Bezahlen steht plötzlich eine zweite Flasche Wodka verpackt auf dem Tisch und auf der Rechnung. „That´s not ok!“ schnappe ich und Hianas zieht sofort den Kopf ein, wühlt zumindest 80% des Preises aus der Tasche, für ihn ein Tageslohn. Brummig fährt er mich die 100 Meter zum Bahnhof und verabschiedet sich kurz angebunden aber doch mit Umarmung.
Die Bahnfahrt verläuft gemäßigt. Es ist Sonntag und für zwei Drittel der Strecke kann ich sitzen. Nachts in meiner Ayurveda-Klinik angekommen, klingelt mein Handy. Hianas ist dran und ziemlich weinerlich. Wegen der zweiten Flasche Wodka sei ich wohl böse und halte ihn für einen schlechten Menschen, er würde mich nie betrügen und ich sei ja so ein guter Mensch. Ich versichere ihm meine ewige Freundschaft, und schließlich legt er auf. Morgens um neun ist er schon wieder dran. Er wollte nur mal anrufen und ob ich schon gefrühstückt habe. Er sei ganz sicher, dass ich am Ende meiner Reise nochmal nach Varkala kommen würde und dann würde er mir eine echte keralesische Erfahrung bescheren. Ehrenwort.
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