Interview: Tanz der Gefühle - Caroline Matthiessen

Sie verkörpert romantisch verklärte Frauen oder begeht öffentlich Selbstmord: Auf der Bühne gibt Tänzerin Caroline Mattiessen alles. Ihr Instrument ist ihr Körper – ein zerbrechliches Ding, das gepflegt sein will. // Martin Fütterer

Was erlebst du beim Tanzen?

Die totale Freiheit, Ultra-Konzentration, völlig gelöst, alles wahrnehmend: die anderen Tänzer, das Licht, das Publikum – und in der Mitte: Ich, eins mit allem. 

Freude? 

Ja!

Glück?

Ja!

Ekstase?

Ja!

Wow! – Und wie hart muss man dafür arbeiten? 

Sehr hart. So hart, dass kaum noch Raum für etwas anderes bleibt.

Wieviele Stunden pro Woche?

Training, Vorstellungen, Maske, - alles zusammen über vierzig Stunden pro Woche. Danach müde, müde, müde.

Ist das durchgehend Hochleistungssport?

Im Prinzip ja. Aber man ist nicht permanent am Limit, manchmal darf man auch zuschauen, wenn andere etwas einstudieren.

Bist du dann so fit, dass du zum Beispiel einen Halbmarathon laufen könntest? Der dauert gemütlich zwei bis zweieinhalb Stunden.

Nein, das ist eine ganz andere Belastung. Viel gleichmäßiger und immer im Sauerstoffüberschuss. Wir Tänzer müssen einerseits weit in den anaeroben Bereich hinein, wenn eine Szene vollen Einsatz verlangt. Das ist wie Sprint: Alles geben in wenigen Sekunden oder Minuten bis man Sterne vor Augen sieht. Dann gibt es wieder ruhigere Passagen, wo wir zu Atem kommen können.

Erinnert an Fußball.

Ja, vielleicht - aber wir stehen nie rum…

Wie hält der Körper das aus?

Ich tanze jetzt elf Jahre professionell, bisher keine Verletzungen, keine größeren Abnutzungserscheinungen, toi toi toi. Ich hatte auch Glück mit der Ausbildung. In manchen großen Ballettschulen müssen die Tänzer zu früh und zu schnell über ihre Grenzen statt sie behutsam auszuweiten. Wenn das Bein nicht von allein hoch genug geht, dann halt mit Gewalt. Und wer‘s nicht schafft, fliegt raus, es gibt ja genügend „Frischfleisch“. Aber dann sind oft schon Schäden fürs Leben eingetreten.

Wird nicht auch sehr stark nach körperlichen Merkmalen ausgelesen?

Ja, das habe ich auch zu hören bekommen: zu breite Hüften, zu schwer, zu groß und anderes mehr. Das ist für eine Sechzehnjährige nicht lustig. In vielen renommierten Ballettschulen wäre ich nicht weit gekommen. In der Frankfurter Musikhochschule hat man zum Glück gesehen, dass meine Stärke im Ausdruck liegt und hat das gefördert.

Was tust du, um dir deine körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten?

Ich pflege ihn, wie vielleicht ein Musiker ein gutes Instrument pflegt. Hier in Würzburg können wir dank der Spenden der Theaterfreunde Massagen bekommen. Pilates finde ich sehr hilfreich, da möchte ich mich jetzt auch noch mehr damit befassen. Man lernt da noch mehr auf die einzelnen Muskelpartien zu achten und Kräfte im Kleinen zu mobilisieren, so dass man immer weniger Hauruck-Aktionen bringen muss. Ich ruhe mich viel aus und ernähre mich möglichst gesund.

Viel Fleisch?

Als Schwerarbeiter brauchen wir tatsächlich viel Eiweiß. Ich esse nicht jeden Tag Fleisch, aber doch fast jeden Tag. Soja könnte eine Alternative sein. Ich nutze schon Sojamilch, weil ich Kuhmilch schlecht vertrage. Die kaufe ich im Bioladen, weil sie da besser schmeckt, genauso wie das Gemüse. Da finde ich auch leckere Brotaufstriche, die es sonst nirgends gibt.

Findest du denn Zeit zum Kochen?

Das ist für mich sehr wichtig. Ich mag nur frisch zubereitete Dinge essen. Fast-Food? Nein, igitt.

Erstaunlich viele Tänzer rauchen…

Ja – ich glaube, viele tun es, weil sie meinen, dass sie ihr Gewicht dann besser halten können. Eigentlich brauchen wir ja alle Luft, die wir kriegen können.

Ist das Gewichthalten so schwer? Bei soviel körperlicher Arbeit könnte man meinen, dass ihr essen könnt was ihr wollt – und alles verbrennt.

Nun ja – man kann sich schon auch ein wenig durchs Training mogeln.

Tut es weh, auf Spitze zu tanzen?

Mir nicht besonders.

Also durchaus! Gehören Schmerzen einfach dazu?

Ein gewisses Maß ist nicht vermeiden.

Ist es nicht ein Widerspruch – einerseits vollkommen sensibel für den Körper zu sein, um den vollkommenen Ausdruck zu finden, andererseits unsensibel gegen Schmerzen sein zu müssen?

Wenn ich tanze, insbesondere bei Aufführungen, spüre ich den Schmerz nicht. Das kommt erst hinterher – auf dem Sofa.

Warum tanzt man überhaupt noch auf Spitze, auch in modernen Balletten?

Weil da viel mehr Bewegungsmöglichkeiten sind als in Schläppchen auf halber Spitze. Es sieht einfach auch besser aus, die Beine werden noch länger.

Warum mutet man Männern das nicht zu?

Manchmal gibt’s das schon, meist als lustige Einlage. Aber als sich der Spitzentanz entwickelt hat, Mitte des 19. Jahrhunderts, stand die Frau absolut im Mittelpunkt, als schwerelose Elfe, über allem schwebend, idealisiert. Die Männer waren nur Staffage, ein Hauch hinter der Frau, bestimmt, ihr zu dienen, sie buchstäblich auf Händen zu tragen und sie zum Himmel zu heben. Romantik pur. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich auch die Männer zu eigenständigen Rollen und Stars emanzipiert, Nijinsky ist ein Meilenstein.

Dann hat sich der Tanz gerade umgekehrt entwickelt, wie die gesellschaftliche Wirklichkeit. Wie ist es denn, wenn man in einer klassischen Choreografie eine solch romantische Frauenfigur verkörpert?

Es ist eine Rolle, wie andere auch. Auf der Bühne kam man eine Giselle in Original-Choreografie  verkörpern, ohne dieses Frauenbild gleich privat zu übernehmen. Romantik ist doch auch was Schönes! Abgesehen davon gab es damals Grenzen, die heute nicht mehr respektiert werden: Das Bein über 90 Grad zu heben, galt damals als unschicklich, die Tutus, die Ballettröcke, waren knielang und auch bei Hebungen sah man nicht bis in den Schritt. Eine Giselle mag idealisiert und alles andere als emanzipiert gewesen sein, aber ihr Körper wurde auch diskreter gezeigt, weniger zur Schau gestellt, als das heute selbstverständlich ist.

Deine besondere Stärke ist der Ausdruck von Gefühlen. Schon bei einer kurzen öffentlichen Probe lief dir eine Träne herab, nach einer Aufführung wirkst du oft völlig desorientiert. Wenn du so einsteigst – kommst du auch wieder heraus aus diesen Gefühlen?

Auf der Bühne und auch bei einer Probe gehe ich immer voll in die Rolle hinein. Das ist ja das, was mich am Tanzen so fasziniert, Gefühle auszudrücken mit allen Mitteln – außer der Stimme. Ich komme da aber auch gut wieder heraus. Nach einer Aufführung bin ich einfach ausgelaugt, weil ich alles gegeben habe, vollkommen erschöpft. Und natürlich – wenn man auf der Bühne gerade Selbstmord begangen hat, dann schmeißt man nicht nach zehn Minuten schon grölend eine Runde Bier in der Kantine.

Eine Tänzerkarriere dauert selten länger als bis vierzig, oft genug endet sie bedeutend früher. Machst du dir darüber Gedanken?

Möglichst wenig, ehrlich gesagt verdränge ich das.

Manche Tänzer fangen an zu unterrichten, ganz wenigen gelingt der Sprung in die Choreografie…

Ich habe immer gesagt, ich werde NIE unterrichten. Und jetzt habe ich doch damit angefangen. Ich habe auch immer gesagt, ich werde NIE choreografieren – und dann hat mich meine Ballettdirektorin Anna Vita dieses Jahr dazu gedrängt. Es ist überraschend gut gegangen!

Was war anders?

Nicht selbst zu tanzen, sondern andere nach der eigenen Idee tanzen zu lassen, das war schon sehr anders. Und ich musste mir die Geschichte selbst ausdenken und sie nicht nur spielen, beziehungsweise andere mussten sie spielen. Sehr fremd für mich. Am Ende hatte ich ein ganz distanziertes Gefühl zu meinem Stück. Die Tänzer hatten es übernommen und ich war nur noch die Assistentin.

Klingt nach einem gelungenen Prozess… Und gab es je Gedanken, etwas anderes zu machen, als Ballett?

Nun ja. Mein Vater meinte immer, ich solle doch Gehirnchirurg werden.

So begabte Hände?

Ach, ich habe nur als kleines Kind immer mein Essen so penibel seziert…

Caroline Matthiessen

Ihre Eltern, ein texanischer Chorsänger und eine halbschottische Tänzerin, lernten sich da kennen, wo Caroline heute auftritt: Am Mainfrankentheater in Würzburg. Die 29-jährige wurde 2002 von der Zeitschrift „Theater Pur“ zur besten Nachwuchstänzerin gekürt. 2006 erhielt sie den Förderpreis des Theaterfördervereins des Mainfranken Theaters Würzburg und im September 2008 wurde sie von Staatsminister Dr. Thomas Goppel mit dem bayerischen Kunstförderpreis für junge Künstler ausgezeichnet.

 

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

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