Interview: Wohlfühl-Kuschel-Pädagogik geht Jungs gewaltig auf die Nerven - Wolfgang Bergmann

Sind Jungs bei weiblichen Pädagogen schlecht aufgehoben?

Es geht mehr um diese generelle Antigewalt-, Antikörperlichkeit-, Antimännlichkeitserziehung. Auch die männlichen Pädagogen haben ja dieses seltsame Umhüllungs- und Friedensideal soweit übernommen, dass es schnurz ist, ob ein Mann oder eine Frau verantwortlich ist. Wenn heute im Kindergarten beim Ballspielen eine Fensterscheibe zu Bruch geht, wird doch sofort der Morgenkreis einberufen. Jungen haben heute kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennenzulernen. Sie werden mit Teilen ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.

Welche männlichen Eigenschaften oder Verhaltensweisen meinen Sie?

Bergmann: Es geht um die einfachsten Dinge: Wenn zwei Jungs im Kindergarten raufen, um die Hierarchie untereinander festzulegen, dann hat ein Pädagoge da nichts zu suchen. Jungs machen ihre Sozialisierungs-Erfahrungen anders. Übrigens: Wenn heute in Sachen Jugendgewalt bei Schlägereien noch hemmungslos zugetreten wird, wenn der andere schon am Boden liegt, hat das zum Teil auch damit zu tun, dass die Jungs gar nicht mehr wissen, was sie dem Gegenüber damit antun. Es fehlt ihnen an der eigenen körperlichen Erfahrung. Wenn ich hyperaktive Kinder oder jugendliche Computersüchtige habe, schicke ich sie reihenweise zu den Pfadfindern, weil dort noch das Erleben von Körperlichkeit möglich ist. Ich kann mich doch nur mit nach außen gewendeten Aktionen selbst als Körper erfahren. Erst dadurch entwickeln Jungs eine eigene Empfindsamkeit, die sie brauchen, um sich in den anderen hinein zu versetzen

ZUR PERSON
Wolfgang Bergmann ist Erziehungswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze über Kinderpsychologie. In seinem Buch "Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben" fordert er für Jungen eine andere Art von Förderung und Zuwendung als für Mädchen und beschreibt die Probleme von Jungen beim Aufwachsen in einer hauptsächlich weiblichen Umwelt.

Zum Interview: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,545037,00.html

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

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