Alleinerziehende: Kinder leiden unter trügerischer Harmonie
Maulige Söhne, zickige Töchter, verwüstete Zimmer - Pubertät ist ein harter, aber für die Entwicklung der Identität notwendiger Kampf. Bei Alleinerziehenden geht es oft viel friedlicher zu. Aber die Harmonie trügt: Diese Kinder haben es viel schwerer, sich abzugrenzen und zu reiben.
Der kürzlich pensionierte Entwicklungspsychologe Professor Kurt Kreppner war am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung der große Mann der Übergänge: Er hat erforscht, wie Paare Eltern werden. Wie das Erstgeborene vom kleinen Geschwister entthront wird. Wie sich Schulbeginn, Schulwechsel und Pubertät auf die Familien auswirken. Sein Resümee nach 30 Jahren: So gut oder schlecht, wie Eltern die frühen Übergänge gemeistert haben, so kommen sie auch mit der Pubertät zurecht. Wer schon dem Zweijährigen Druck gemacht habe, endlich auf den Topf zu gehen, verlange auch vom 15-Jährigen zu viel Eigenständigkeit. "Der Umgang miteinander in der Pubertät", so Kreppner, "fällt nicht vom Himmel."
Die Kinder der Alleinerziehenden haben letztlich niemanden, von dem sie sich abgrenzen und an dem sie sich reiben können. Warum das wichtig ist? "Die bisherigen, kindorientierten Lebensformen sind in der Pubertät nicht mehr angemessen", sagt Kreppner, "es muss eine neue Balance gefunden werden – und das geht nicht ohne Reibung."
Zwei Faktoren scheinen dabei unheilvoll zusammenzuspielen: Alleinerziehende Mütter sind oft mit der Bewältigung des Alltags enorm belastet: Sie müssen Geld verdienen, die Wohnung in Ordnung halten, die Getränkekisten besorgen, sich mit den Lehrern herumärgern. Und manchmal sind sie auch mit der Suche nach einer neuen Liebe beschäftigt. Derweil lassen sie dem oder der Pubertierenden oft große Freiheiten.
Und das Kind? "Es findet natürlich erst einmal toll, dass ihm so viel erlaubt ist", sagt Kreppner. Und es schlägt dabei ganz selten über die Stränge. Schließlich hat es durch die Trennung der Eltern erlebt, dass selbst Beziehungen in der Kernfamilie nicht von Ewigkeit sind. "Bei den meisten ist die Angst da: Ich darf keine ganz schlimme Revolte machen, sonst verlässt mich die Mutter womöglich auch noch."
Daher die scheinbare Harmonie, wenn das Max-Planck-Team in diese Familien kam. Oft erst gegen Ende der Pubertät beklagten sich die Teenager. Darüber, dass die Mütter nicht da waren, wenn sie gebraucht wurden – oder dass diese ihre Rolle nicht richtig ausgefüllt hätten. Ein Dialog, den die Forscher dokumentiert haben, zeigt dies drastisch: "Ich erzähl dir meine Sorgen und Probleme, und du stehst da und lachst", beklagt sich eine Mutter bei ihrem 15-jährigen Sohn. Und der sagt: "Ich bin nicht deine Mutter. Wenn du Probleme hast, dann kannst du zu weiß ich nicht wem gehen, aber nicht zu mir."
Da erstaunt es nicht, dass diese Kinder sich oft ganz in ihre peer group zurückziehen, zu ihren gleichaltrigen Freunden. Spätestens dann, sagt Kreppner, sollte aber Schluss sein mit der langen Leine. "Kümmern Sie sich darum, welche Freunde Ihr Kind hat", rät der Psychologe. Notfalls seien auch Verbote auszusprechen. "Natürlich lehnen Kinder solche Kontrollen erst einmal ab – trotzdem erfahren sie damit, dass die Eltern sich kümmern. Das gehört zum Spiel dazu."
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