Essay: Das Übel mit dem einen Gott

Unzählige Untaten sind im Namen des einen Gottes verübt worden, sei sein Name Jahwe oder Allah. Vergangenheit? Mitnichten: In die Lücke des beendeten kalten Krieges scheinen die heiligen Kriege, in die Lücke faschistischer und kommunistischer Diktaturen die Glaubensdiktaturen zu treten, als seien die Moderne, der Rationalismus und die Säkularisierung nur eine vorrübergehende oder lokale Erscheinung. Grundlage dafür sind Gebote, die vielleicht einfach nur völlig falsch verstanden werden. // Martin Fütterer

Mose hat‘s verpfuscht. Angewidert von der Glaubensschwäche der von ihm aus Ägypten befreiten Juden bestieg er den Berg Sinai und empfing dort die zehn Gebote, die als klare Ansage für wankelmütige Gemüter geeignet erschienen. Bei seiner Rückkehr fand er sein Volk beim Tanz um das heilige Kalb. Gleich ließ er 3.000 Mann von seinen Leviten erschlagen. Im Namen Gottes, neben dem laut seinen Geboten keine anderen Götter erlaubt sind, schon gar kein goldenes Kalb. Damit hat Mose Millionen Überzeugungstätern nach ihm ein denkbar überzeugendes aber auch unglückliches Beispiel gegeben, wie man die ersten drei Gebote auslegen kann.

Als Konfirmand wurden mir die ersten drei Gebote besonders ans Herz gelegt. Sie lauten:

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. (Ex 20,3)

2. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem was oben im Himmel, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetaten der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (Ex 20,4-6)

3. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. (Ex 20,7)

Eifersüchtig erschien mir dieser Gott. Rachsüchtig und kleinlich, ein schrecklicher, herrschsüchtiger und willkürlicher Gott. Und ein furchtbar schlechtes Vorbild. Die weiteren sieben Gebote fand ich zwar unbequem aber doch nachvollziehbar, die ersten drei hingegen einfach daneben. Als ich im Laufe meiner zunehmenden Bildung von Kreuzzügen, Religionskriegen, Zwangsmissionierung, Inquisition und anderen Gräueln im Namen Gottes erfuhr, verstärkten sich meine Zweifel an den ersten drei Geboten. Die modernen Formen des Heiligen Krieges und der Glaubensdiktaturen etwa der afghanischen Taliban oder der islamistischen Terroristen aber auch die tätige Intoleranz amerikanisch-christlicher Fundamentalisten und der neuerliche Exklusivitätsanspruch des Papstes bestätigen: Irgendwas ist faul mit den Geboten vom einen Gott. Hat Mose sie etwa falsch verstanden oder – wie so viele nach ihm – sie für seine Zwecke instrumentalisiert? Allzu oft werden sie nämlich so verwendet:

1. Es gibt nur einen Gott und zwar unseren. Mach dir kein Bild von ihm, denn das können nur wir, mach es doch und wir haben einen schönen Grund, deine Seele zu retten, notfalls indem wir deinen Körper braten.

2. Du sollst keine anderen Götter verehren und insbesondere nicht dein Geld und deinen Einfluss in andere Kirchen tragen. Um dem Nachdruck zu verleihen versichern wir dir, dass der Zugang zu Himmel nur mit unserem Segen möglich und die Hölle ohne unseren Segen gewiss ist. Himmel und Hölle sind im Übrigen Bestandteil des Gottesbildes an dem wir das alleinige Recht haben.

3. Du sollst den Namen unseres Gottes nicht missbrauchen, was dir aber aufgrund unserer fantasievollen Auslegungen nicht gelingen wird und uns eine schöne Gelegenheit gibt, dich als Häretiker zu verbrennen oder dir zumindest den Mund mit Seife auszuwaschen. Auch der Slogan „Im Namen Gottes“ gehört uns exklusiv und wir werden ihn immer dann anwenden, wenn es einfach keine vernünftige Begründung für unsere Taten und Gesetze gibt.

Vielleicht hat Mose – bzw. die vielen Katecheten, die im Laufe von Jahrhunderten an der Formulierung der Gebote mitwirkten – durch kleine Änderungen den ursprünglichen Sinn ins Gegenteil verkehrt. Wäre ja nicht das erste Mal, das sowas passiert. Zumal dann, wenn es vielen Leuten in den Kram passt, die ihre Macht über noch viel mehr andere Menschen legitimieren wollen, angefangen bei Mose selbst. Vielleicht, wenn man sie ein wenig dreht und wendet, kann man den ursprünglichen Sinn wieder entdecken, fruchtbar statt furchtbar, nutzbringend statt nützlich, friedenstiftend statt kriegstreibend.

Schon wenn man die Reihenfolge umstellt ergibt sich ein anderer Schwerpunkt:

1. Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen.

2. Du sollst keine anderen Götter verehren.

3. Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Jetzt liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf dem einen Gott, sondern darauf, sich kein Bild von Gott zu machen und auch eine schlüssige Argumentation. Etwas ausformuliert:

1. Du sollst dir keine Vorstellung von Gott machen, denn die wird immer mindestens unvollständig und schon damit falsch sein. (Niemand kann Gott begreifen, auch du nicht, Spatzenhirn!)

2. Eine andere Gottesvorstellung zu verehren als diese, dass Gott nicht zu begreifen ist, macht keinen Sinn. (Also versuch es erst gar nicht.)

3. Wenn es aber niemanden gibt, der Gott und seinen Willen richtig begreifen kann, dann gibt es keine Berechtigung, irgendetwas im Namen Gottes zu tun und mit dem Willen Gottes zu legitimieren. (Du musst schon andere Gründe finden, Köpfe abzuschlagen und Scheiterhaufen zu errichten oder ganz allgemein blödsinnig einschränkende Regeln für Sex  zu erlassen.)

So formuliert bekommen die ersten drei Gebote tatsächlich erhebliche Bedeutung. Sie verhindern alle Gräueltaten im Namen Gottes, sie verhindern aber nicht, sich konstruktiv zu betätigen. Soweit so - gut. Nur – was machen wir jetzt mit all den Kirchen und Priestern, die uns seit Jahrtausenden behilflich sind, Gottes Wille zu erkennen? Sie alle stützen sich auf die alte Bedeutung der Gebote.

Der Papst würde nach den neuen Geboten seinen Job verlieren. Er würde wohl – und seine gesamte Priesterschaft – seine Existenz fortan dadurch legitimieren müssen, dass seine Taten und Worte Nutzen stiften. Das gilt natürlich auch für Mullahs, Ayatollahs und Al Qaida-Terroristen.

Abschaffen muss man Kirchen oder Religionen dennoch nicht. Anstelle durch Herrschaft über die Seelen müssten sie durch Dienst am Menschen bestehen. Es spricht nichts gegen die karitativen Tätigkeiten einer Kirche, allerdings manches dagegen, dass Mitarbeiter zum Gotteslohn, also unter Mindestlohn, arbeiten müssen. Es besteht auch Bedarf für Institutionen, die gelegentlich die Frage danach stellen, was abseits von Shareholdervalue und Wählerumfragen ein Standpunkt sein könnte, mit dem man sich auch nach ein paar Jahren noch ohne Unbehagen ins Gesicht sehen kann.

 Es besteht ein Bedarf an weisen und kompetenten Menschen, zu denen Mitbürger in Lebenskrisen gehen und Rat und Verständnis erfahren können. Auf Buße gegenüber Gott kann dabei verzichtet werden, Wiedergutmachung an oder Versöhnung mit den Mitmenschen hätte mehr Charme. Hilfestellung beim Finden einer persönlichen, individuellen Spiritualität wird ebenfalls gebraucht. Es fragt sich doch jeder irgendwann, woher er kommt und wohin er geht. Menschen mit einem Vorrat an geistigen und spirituellen Landkarten können bei der Suche nützlicher sein als welche mit Einbahnstraßen und Verbotsschildern.

Und Gott selbst? Der hat sich mit seinen Geboten fein aus der Verantwortung gezogen: „Es muss reichen, dass ich euch geschaffen habe, für den Blödsinn, den ihr anrichtet, könnt ihr euch nicht auf mich berufen. Im Übrigen verweise ich auf das neue Testament und verspreche euch großzügige Nachsicht. Ich kann ja schlecht verdammen, was ich selbst aus Schlamm zusammengepanscht habe.“

Erwischt! Im letzten Absatz habe ich mir ein Bild von Gott gemacht. Solange ich das nur für mich verwende, schadet es nicht. Nur wenn ich es anderen mit Schwert oder Gehirnwäsche aufzwinge oder mit all zu viel Sendungsbewusstsein und einem Sprengstoffgürtel herumlaufe. Es mag jeder sein Gottesbild haben, solange er es als Privatangelegenheit betrachtet und nicht als Rechtfertigung für seine Taten. Vielleicht ist Gott ja tatsächlich so kleingeistig und gewalttätig, wie er in den alten Geboten erscheint. Gerade dann wäre es gut, es würden nicht all zu viele an ihn glauben (gemacht).

Wie hätte Mose also auf das goldene Kalb reagieren können, statt Tod und Verdammnis zu verhängen? Vielleicht so: „Schön dass ihr alle euer Gold und euren Schmuck zu so einem schönen Standbild gestiftet habt, ich hoffe, die Reichen unter euch haben sich besonders engagiert. Es macht aber nicht viel Sinn, diesen Reichtum als Gott zu verehren, wer oder was Gott ist, können wir sowieso nicht wissen. Jetzt lasst uns das Gold zu gleichen Anteilen an alle verteilen, damit verkleinern wir die Kluft zwischen arm und reich, und in Gesellschaften, wo dieser Unterschied nicht zu ausgeprägt ist, sind die Menschen zufriedener. Das wäre doch ein guter Start ins gelobte Land!“

Und die restlichen sieben Gebote?

Es gibt viele Möglichkeiten sich interessant und sinnvoll zu verhalten, es fehlt auf Gebotstafeln der Platz, alle aufzuzählen.  Aber für das Zusammenleben von Menschen hat sich bewährt: Nicht zu töten, nicht zu stehlen, weder Eigentum noch Ehepartner anderer zu begehren, vertrauenswürdig zu sein, ein positives Verhältnis zu den Eltern und der eigenen Herkunft zu bewahren und alle sieben Tage Arbeit eine Pause einzulegen und sie vor allem auch denen  zuzugestehen, die von uns abhängig sind. Das ist einfach vernünftig und da braucht man keinen Gott, der einem das sagt, es reicht der gesunde Menschenverstand.

 

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

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