Afghanistan: Neue Ziele für den Terror

In Afghanistan steigt die Zahl der Attentate auf Hilfsorganisationen dramatisch an. Bisher eher Zufallsopfer, sind sie nun in den Focus des politischen Terrors gerückt. Freunde machen sich die Taliban und Al Qaida damit auf keiner Seite. Schlussfolgerung: Sie müssen sich inzwischen sehr sicher fühlen. // Martin Fütterer aus Kabul

Bei der Fahrt durch Kabul ist Entwicklungshelfer Norbert Burger von der Deutschen Welthungerhilfe nervös. Bitte nicht aus dem Autofenster fotografieren und um Gottes Willen keine Frauen! Beständig huschen seine Augen umher und alle paar Meter zeigt er, wie viel mehr sich Botschaften, NGOs, Militär und Unternehmen sich hinter Beton und Stacheldraht verschanzen als noch vor zwei Jahren. Selbstmordattentäter und ferngezündete Bomben sind in der Stadt eine beständige Gefahr. Bei jedem Passanten, der telefonierend am Straßenrand steht, fragt sich Burger, ob der nicht gerade die Durchfahrt ihrer Wagen an einen Bombenattentäter melde. Auch wenn die Attentäter vor allem Amerikaner ins Visier nehmen, ist die Gefahr groß, ein Zufallsopfer zu werden. Also meiden die Mitarbeiter der Welthungerhilfe konsequent, sich in der Nähe von amerikanischen Konvois zu bewegen. Doch leider kündigt sich an, dass Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) wie die Welthungerhilfe vom Zufallsopfer in den Rang dezidierter politischer Ziele aufgestiegen sind.

Einen Überblick darüber hat das Afghanistan NGO Safety Office ANSO (www.afgnso.org). Finanziert von der europäischen Kommission und der Schweizer Eidgenossenschaft trägt es beständig Bedrohungen und Vorfälle mit NGOs aus dem ganzen Land zusammen und warnt die Abonnenten des Dienstes per Funk, SMS und Telefon, wenn in einem Gebiet Gefahr besteht. So auch am 23.4. in dem Kabuler Stadtteil, in dem sich die internationalen Organisationen konzentrieren. Per SMS kommt die Warnung „Don´t move! Suicide Bomber arround.“ Eine Stunde später die Entwarnung, zwei Autos mit Sprengstoff wurden gestoppt, die Fahrer verhaftet.

ANSO warnt nicht nur, sondern wertet auch aus. 29 direkte Angriffe auf NGOs gab es im ersten Quartal 2008, etwa so viele wie im gleichen Zeitraum 2007. Das mag wenig erscheinen, aber diese Zahlen betreffen eben nur die privaten Hilfsorganisationen, bei den staatlichen Hilfsorganisationen sieht es nicht besser aus. Und es gibt einen gravierenden Unterschied: „Die Zahl der kriminell motivierten Überfälle hat abgenommen, während die Zahl der politisch motivierten Überfälle sich verdoppelt und die Schwere der Vorfälle zugenommen hat,“ erläutert Operation Coordinator Sebastien Hogan: Neun Todesfälle, neun Verletze, zwölf Kidnappings und zwei fast totale Zerstörungen von NGO Niederlassungen. Er macht sich sichtlich Sorgen: „Nicht nur, dass sich die Zahl der politisch motivierten Angriffe gegenüber dem Vergleichszeitraum verdoppelt hat, die Kurve steigt gegenüber dem normalen saisonalen Verlauf stark an. Das könnte bedeuten, dass wir dieses Jahr mit einer Vervielfachung der Angriffe auf NGOs rechnen müssen.“ Seine Ursachenanalyse ist deprimierend: „Wir gehen davon aus, dass die Taliban inzwischen größere Gebiete kontrollieren und sich so sicher fühlen, dass sie anfangen, diese Gebiete von Westlern zu säubern.“ Freunde machen sich die Taliban damit weder bei der Bevölkerung noch im Ausland. Doch das hat sie schon während ihrer Herrschaft 1991 bis 2001 nicht gestört.

Nicht nur im Süden, sondern gerade im bisher als ruhiger geltenden Norden Afghanistans steigt die Zahl der Angriffe steil an. Als am 27. April bei der Parade zum Sieg über die Russische Invasion Raketen auf Präsident Karzai abgefeuert werden, waren die NGOs immerhin schon einige Tage von ANSO vorgewarnt. Sebastien Hogan: „Da war etwas im Busch, das haben wir aus verschiedenen Quellen erfahren. Immerhin war es viele Wochen ungewöhnlich ruhig in Kabul und die Vermutung lag nahe, dass die Taliban etwas Größeres in Planung hatten.“  Für die Nutzer ist ANSO übrigens kostenlos. „Das beste Angebot in der Stadt“, meint Sebastian Hogan augenzwinkernd.

Bisher waren die NGOs keine dezidierten Terrorziele, auch wenn Afghanen schon länger in Flugblättern der Taliban, den sogenannten Night-Letters, bei Androhung des Todes gewarnt werden, mit den Menschen aus dem Westen zu kooperieren. Jetzt scheinen die Taliban, Al Qaida und andere Widerständler die NGOs direkt ins Visier zu nehmen. So ganz einfach ist es nämlich nicht, die verschiedenen Gruppierungen von einander zu unterscheiden, weswegen die ANSO sie schlicht als AOG zusammenfasst: Armed Opposition Groups. Die Arbeit der NGOs wird durch die Bedrohung erheblich erschwert bis unmöglich gemacht. Norbert Burger soll seine landwirtschaftlichen Projekte künftig per „Fernsteuerung“ betreuen: Afghanische Mitarbeiter gehen mit der Videokamera über die Felder und Burger trifft seine Entscheidungen am Bildschirm im abgesicherten Büro in Jalalabad. „So gewinnt man das Vertrauen der Menschen nicht“, bezweifelt er den Sinn dieser Arbeitsweise. Schon jetzt rauben ihm die Sicherheitsfragen die Hälfte seiner Zeit und Energie. „Die ständige Anspannung laugt einen völlig aus“, stöhnt er. „Wie gerne würde ich mal in einem Dorf unter einem Maulbeerbaum sitzen und einfach das Dorfleben beobachten. Oder die grandiose Landschaft erwandern, in den Flüssen fischen - alles nicht möglich.“

Andere Organisationen sind schon länger im Focus der Terroristen und anscheinend kann man sich daran gewöhnen. Colonel Jürgen Hauber vom German Police Project Team ist schon über zwei Jahre in Kabul und Terrorgefahr ist sein täglich Brot. „Am sichersten fühle ich mich, wenn ich alleine unterwegs bin. Das ist für einen Attentäter ein schlechtes Geschäft. Er muss ja einen politischen Effekt erzielen, also möglichst viele Menschen treffen.“

Haubers Taktik nennt sich „Low Profile“ – möglichst wenig auffallen, wie sie auch viele NGOs praktizieren. „Wir fahren leider die in Afghanistan ungewöhnlichen Mercedes G-Klasse Geländewagen, also haben wir sie zumindest in verschiedenen Farben lackiert, damit sie nicht als Gruppe auffallen. Wir bekleben sie mit landestypischen Aufklebern, damit sie etwas ziviler aussehen, machen auch mal ein einheimisches Nummernschild dran. Die Wagen sind zwar gepanzert, aber man könnte durchaus drüber nachdenken, mal in einem schlichten Toyota Corolla  zu fahren, in weiß, wie so viele hier.“ Hauber meidet Regelmäßigkeiten und auch die Zeit zwischen 7:00 und 9:00, in der die meisten Selbstmordattentate verübt werden. Er hat in Deutschland auch Täterprofiling gemacht und kann sich einfühlen: „Man muss sich das so vorstellen: Den Auftrag erhält der junge Selbstmordattentäter oft nach dem Abendgebet von seinen Hintermännern. Dann schläft er garantiert die ganze Nacht nicht, so ein Auftrag ist ja eine enorme Belastung. Bei allem Fanatismus und aller Gehirnwäsche ist der Überlebensinstinkt doch immer stark. Wenn er morgens endlich in sein sprengstoffbeladenes Taxi steigt, dann will er es auch zu Ende bringen. In dem Zustand fährt man nicht noch den ganzen Tag durch die Gegend.“

Taktikwechsel

Die ursprüngliche Taktik war es, die Alliierten mit klassischen militärischen Offensiven und Hinterhalten zu attackieren. Nachdem die letzten Offensiven trotz (oder wegen) großer Ankündigung sinnlos verblutet sind, greift man auf terroristische Anschläge zurück.
Würden sich die Taliban sicher fühlen, würden sie in großen Verbänden vorrücken und eingenommene Regionen ganz offen halten und regieren. Denn das ist ja das Ziel der Taliban: die militärische Zurückeroberung Afghanistans.

Submitted by califax (nicht überprüft) on 15. May 2008 - 21:27.
Akt der Verzweiflung?

Es gibt Einschätzungen, dass der Terror der Taliban eher ein Akt der Verzweiflung als eine erfolgreiche militärische Strategie ist. Die Menschen, die ich dazu in Afghanistan gesprochen habe, sehen das anders.

Während ihrer Herrschaft 1991 bis 2001 haben die Taliban allerdings auch schon mehr durch blinde Überzeugung als durch militärische und politische Klugheit geglänzt, um nicht zu sagen: Nahezu völlige Ignoranz. Auch damals haben sie NGOs drangsaliert und vertrieben, wo sie die Möglichkeit hatten, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung und ihr eignes politisches Ansehen in der Welt.

Auf lange Sichthat eine solche Ignoranz wenig Erfolgsaussicht. Kurzfristig jedoch hat die Gewaltbereitschaft, die mit Ignoranz einher geht, das Potential, diese Gesellschaft ein weiteres Mal zu destabilisieren, jedenfalls solange den Taliban Ressourcen zufließen (Opium und Waffenhilfe) und die Regierung schwach und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen uneins sind.

Martin Fütterer
Journalist
Aschaffenburg
www.martinfuetterer.de

Submitted by Martin Fütterer on 15. May 2008 - 21:50.
Taktikwechsel - nicht Akt der Verzweiflung

Die sind nicht verzweifelt, dann würden sie es dort ja aufgeben, und sich lieber auf Pakistan oder Indien konzentrieren.
Die Terroranschläge sollen die neue Regierung samt der Alliierten diskreditieren (können nicht für Sicherheit sorgen), den Westen durch schlechte Nachrichten zum Rückzug zwingen ("Spirale der Gewalt") und "Abweichler" vom System der Taliban einschüchtern.
Das schlimmste, was den Taliban (und den Drogenbaronen) passieren kann, ist eine stabile Gesellschaft, in der die Leute sich mit der Zentralregierung arrangieren und dank sich bessernder Zustände zufrieden sind.
Das gäbe erheblich schlechtere Einsatzsbedingungen (weil man von den Einheimischen verpfiffen oder gar aktiv bekämpft wird), gute Nachrichten im Westen (wegen zufriedener Afghanen) und damit verbesserte politische Rahmenbedingungen für einen verstärkten Einsatz des Westens, schlechtere Aussichten, Unterstützung für einen Wechsel zurück ins Vormittelalter zu gewinnen, etc.
Deshalb sind Helfer und deren Projekte, egal ob NGO oder staatlich, logisch naheliegende Ziele.

Submitted by califax (nicht überprüft) on 15. May 2008 - 22:13.

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