Interview: Keine Versöhnung in Afghanistan?

Interview mit der Peacebuilderin und Entwicklungshelferin Kerstin Lepper, Kabul.

Nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg mit wechselnden Fronten ist fast jeder in Afghanistan Opfer oder Täter oder beides. Wie arbeitet Afghanistan seine Vergangenheit auf?

Im Dezember 2006 hat Präsident Karzai den „Aktionsplan für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung“ verabschiedet. Er sah vor, dass Schritte unternommen werden, um Frieden und Stabilität in Afghanistan zu erreichen durch Anerkennung der Leiden der Opfer, institutionelle Reformen, einen Prozess der Wahrheitsfindung und Förderung von Versöhnung sowie nationaler Einheit.  Man hatte zwei Jahre um diese Inhalte gerungen.

Was wurde umgesetzt?

Gar nichts. Im Januar 2007 wurde im Eilverfahren eine Generalamnestie für alle Kriegsverbrecher vom Parlament eingebracht und im März von Präsident Karzai mit kleinen Änderungen verabschiedet. Damit wurde der Aktionsplan praktisch außer Kraft gesetzt und der Wille der Opfer übergangen. In einer landesweiten Befragung der AIHRC (Afghan Independent Human Rights Commission, Afghanische unabhängige Menschenrechtskommission)  im Mai 2004 haben sich 70% der Befragten als Opfer von Menschenrechtsverletzungen bezeichnet. Ein ähnlich hoher Prozentsatz sprach sich gegen eine Amnestie und dafür aus, dass Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden.

Welche Konsequenzen hat dieses Vorgehen?

Man weiß aus vielen Erfahrungen, dass die Spirale von Hass und Vergeltung nur durchbrochen werden kann, wenn die Verbrechen benannt, das Leiden der Opfer anerkannt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Das muss nicht automatisch Bestrafung bedeuten, es schließt die Möglichkeit der Versöhnung mit ein. Doch diese Entscheidung muss bei den Opfern liegen. In der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika konnte ein Opfer die Entschuldigung des Täters annehmen und auf eine Bestrafung verzichten. Das afghanische Amnesty Law deckt all dies zu und drückt die Konflikte in den Untergrund.

Was passiert dann?

Kriegsverbrecher etablieren sich wieder in gesellschaftlichen Positionen und die Bevölkerung hat das Gefühl, dass Unrecht von ganz oben zugedeckt wird. Das unterhöhlt das Vertrauen in die Regierung in allen Fragen und destabilisiert die Gesellschaft. Die Gefahr wächst, dass sich Opfer oder Gruppen von Opfern auf eigene Faust Gerechtigkeit verschaffen oder zumindest die Kooperation mit Tätergruppen verweigern. Das blockiert die Gesellschaft und schafft neue Opfer. In weiten Teilen der afghanischen Gesellschaft ist Blutrache eine Frage der Ehre, die auf der persönlichen Werteskala weit über der Verfassung rangiert.  Es ist schon bei normalen Verbrechen nicht einfach, Afghanen dazu zu bewegen, die Gerechtigkeit staatlichen Organen zu überlassen.

Schützt das Amnesty Law bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders, etwa die Paschtunen, aus deren Reihen die Taliban stammten und zu denen auch Präsident Karzai und die meisten Minister gehören?

Das kann man so nicht sagen. Die russische Invasion schuf Kollaborateure und Widerständler in verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Mujaheddin und Warlords, die die Russen besiegten, haben sich danach auch untereinander bekriegt, obwohl sie zum Teil zu den gleichen ethnischen Gruppen gehörten. Die Taliban führten eine neue Ordnung ein, die auf der strengen Befolgung von religiösen Regeln des Zusammenlebens beruhte und deren Verletzung streng geahndet wurde, und diese Strafen betrafen Angehörige aller Gruppen, auch der Paschtunen. Auch innerhalb der Paschtunen gibt es Differenzen, wie zum Beispiel zwischen verschiedenen Stämmen,  und innerhalb eines Stammes Blutrachen. In Afghanistan ist potentiell jeder jedermanns Feind, was in bestimmten Situationen von Führungsfiguren benutzt wird, um mit Gewalt neue Machtkonstellationen zu schaffen.

Besteht dann überhaupt eine Chance?

Mit dem Amnesty Law wurde die Chance vertan, Versöhnung und Gerechtigkeit als einen gesamtgesellschaftlichen Prozess von oben zu organisieren. Jetzt liegt es an der mittleren gesellschaftlichen Ebene, den großen Organen der Zivilgesellschaft, von Menschenrechtskommission über andere Nichtregierungsorganisationen bis hin zu den Medien und der Privatwirtschaft, sich einzubringen. Aber auch da sieht es nicht gut aus. Seit dem Amnesty Law ist die Menschenrechtskommission praktisch verstummt, ihre Mitglieder erhalten regelmäßig Todesdrohungen. Auch andere zivilgesellschaftliche Organe fühlen sich zunehmend in ihrem Aktionsradius eingeschränkt. Bleibt die gesellschaftliche Basis, die Dorfebene, wie z.B. die sogenannten Schuras, wie hier die Dorfräte heißen, die Mullahs, Lehrer, die kleinen, lokalen Organisationen. Schuras sind eine alte Institution der Konfliktlösung, z.B. bei Blutrache. Ein Mord wird gerne dadurch gesühnt, dass die Familie des Täters der des Opfers ein oder zwei Frauen als Ehefrauen und Dienerinnen überlässt. Für uns Westler natürlich unakzeptabel. Die Strukturen können aber genutzt werden, um auf der Basis von traditionellen Methoden der Konfliktbewältigung und neueren Erkenntnissen, einen Friedensprozess auf lokaler Ebene zu befördern.

Also keine Hoffnung für Afghanistan?

Es gibt kleine Erfolge. Im Rahmen meiner Arbeit im Afghan Civil Society Forum habe ich mit Trainern von Partnerorganisationen viele Workshops für Frauen, Lehrer, Schuramitglieder, Angestellte von staatlichen Institutionen und andere lokale Multiplikatoren gehalten. Viele dieser Menschen haben auf persönlicher Ebene oder als Mediatoren rührende Erlebnisse von Konfliktklärung und Versöhnung berichtet. Selten habe ich die sonst so zurückhaltenden Afghanen so entrüstet gesehen, wie bei der Frage, ob wir diese Arbeit fortsetzen sollen. „Was für eine dumme Frage!“ haben sie geantwortet. Der Bedarf ist da.

Wäre es besser, die Afghanen ihren eigenen Weg finden zu lassen?

Natürlich müssen sie ihren eigenen Weg finden, aber wir können sie dabei unterstützen, solange sie dies selbst wünschen. Der Westen darf sich nicht aufdrängen! Auch die Peace Keeping-Mission der internationalen Truppen hat in meinen Augen ihren Stellenwert.  Die Streitkräfte könnten sich sicher sensibler verhalten, aber würde man sie abziehen, könnte es wieder zu einem  Bürgerkrieg kommen. Die Afghanen brauchen Unterstützung in Form von Modellen und Knowhow für Versöhnung, Demokratisierung, wirtschaftlichen Aufbau auf der Basis von dem, was vorhanden ist.

Vom Theater in die Pampa

Sie wollte schon als Kind nach Afrika. Doch von privaten Reisen abgesehen, kam es erst mal nicht zu einem beruflichen Engagement in dieser Richtung, obwohl Kerstin Lepper, geboren im Februar 1967, mit ihrer Studienauswahl, Volkswirtschaft, Geografie und Völkerkunde die ersten Schritte dahin unternahm. Stattdessen blieb Kerstin Lepper nach einem Praktikum im Theater hängen und managte 13 Jahre lang  Oper und Schauspiel, zuletzt als Chefdisponentin an der Komischen Oper Berlin. Den Einstieg in die Entwicklungshilfe schaffte sie über ihre Qualifikation als Peacebuilderin beim DED. Derzeit arbeitet sie für die Deutsche Welthungerhilfe in Afghanistan an einem Projekt zum Aufbau von lokalen demokratischen Strukturen und Infrastrukturentwicklung. Noch immer nicht Afrika.

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

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