Interview mit einer afghanischen Frau

Während der Taliban war sie im Untergrund, heute arbeitet sie für eine deutsche Hilfsorganisation in Kabul. Sie möchte gerne studieren, doch es fehlt das Geld. Ihren zukünftigen Ehemann hat die Familie ausgesucht – und das ist gut so. Sie hat ihn vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen. Ihren Namen und ein Bild von sich will sie nicht veröffentlichen. Ihr Vater hat es verboten. Sie ist 27 Jahre alt. // Martin Fütterer

Du arbeitest für die Welthungerhilfe in Kabul, wie ist es dazu gekommen?

Nach meinem High-School Abschluss habe ich schon für eine andere internationale Organisation gearbeitet, die UN Habitat. Wir hatten in jedem Distrikt ein Zentrum für Frauen und Kinder, wo wir Kurse gegeben haben in Haushaltsführung, Hygiene, Ernährung aber auch Englisch und andere Fächer. Ich habe dort zum Beispiel 15 Frauen angeleitet, Spaghetti herzustellen und damit etwas Geld zu verdienen. Das war noch in Masar-i-Sharif im Norden Afghanistans, wohin meine Familie im Krieg von Kabul aus geflohen ist. Dann haben die Taliban die Zentren verboten. Eine Zeitlang haben wir noch im Untergrund gearbeitet, aber dann ging auch das nicht mehr.

Warum haben die Taliban die Zentren geschlossen?

Erst haben sie sie ja noch zwei Jahre geduldet, weil wir versichert haben, dass da kein männliches Wesen anwesend ist, nicht einmal ein kleiner Junge. Vorher hatten wir z.B. Fahrer, weil wir Frauen ja nicht selbst fahren durften. Da musste dann gemogelt werden. Aber dann waren einige von uns zu einem Training in Pakistan und irgendjemand hat das einem Taliban-Kommandanten verraten. Er hat uns zur Rede gestellt, denn Frauen durften nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes unterwegs sein. Jede Frau hat Stein und Bein geschworen, dass der Vater oder Onkel oder Bruder mit dabei war. Der Kommandant war nicht von der ganz harten Sorte und hat uns das Versprechen abgenommen, dass wir das nicht wieder tun.

Was hätte passieren können?

Wir hätten geschlagen oder getötet werden können. Aber dann kamen die Taliban schon bald zu unserem Zentrum, haben alles verwüstet und es geschlossen.

Wie habt ihr dann im Untergrund gearbeitet?

Jede Kursleiterin hat die Kurse einfach im eigenen Haus gegeben. Die Frauen kamen für Englisch ins Haus der Englisch-Lehrerin, für Ernährung ins Haus der Kursleiterin für Ernährung, und so weiter. Das war sehr gefährlich und so mussten wir auch damit aufhören. 2002, nachdem die Taliban vertrieben worden waren, hat dann die Welthungerhilfe Leute gesucht. Ich habe erst als Funk-Operator gearbeitet, dann in der Organisation der Sicherheit. 2006 ging ich mit meinem Onkel nach Kabul und seither bin ich Kassiererin.

Macht dir die Arbeit Spaß?

Ja, ich gehe gerne mit Geld um. Ich möchte auch gerne Finanzverwaltung studieren, aber das geht nur an privaten Akademien und das kostet 150 bis 200 Dollar im Monat. Das kann ich mir nicht leisten. Vielleicht hilft die Welthungerhilfe da auch, so wie bei meinem Englischkurs, den ich jeden Morgen von sechs bis halb sieben besuche. Da bezahlt die Welthungerhilfe die Hälfte der Kursgebühren von 20 Dollar im Monat und der 120 Dollar Taxigebühren, die ich brauche, um zum Kurs und dann zur Arbeit zu kommen.

Kann man sich denn als Frau in Kabul frei bewegen?

Nicht überall, aber ich gehe schon alleine einkaufen und so. Ein bisschen hat man immer Angst, gekidnappt zu werden. Aber mehr auf dem Weg von und zur Arbeit, weil man für eine internationale Organisation arbeitet. Da ist es schon gut, dass wir mit dem Auto abgeholt werden. Oder wenn ich Geld zur Bank bringe, wegen einem Raubüberfall. All das kommt vor, aber bisher ist mir noch nichts passiert.

Du wirst bald heiraten…

Ja, ich bin seit drei Monaten mit meinem Vetter verlobt und dieses oder nächstes Jahr wollen wir heiraten.

Wer hat diesen Mann ausgesucht?

Meine und seine Familie.

Wo lebt er?

Er ist im Krieg erst nach Russland und dann nach Kanada geflohen. Er hatte auch Arbeit im Import/Export, aber im Moment ist er arbeitslos.

Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?

Vor sieben oder acht Jahren. Aber seit wir verlobt sind, telefonieren und chatten wir.

Magst du ihn?

Ja! Wir sind als Kinder zusammen aufgewachsen.

Wie stellst du dir denn deine Zukunft vor?

Ich möchte arbeiten, studieren, eine angesehene Person werden und etwas bewirken. Ich möchte gerne armen Frauen helfen, nicht mit Geld, sondern indem ich ihnen Arbeit verschaffe.

Keine Kinder?

Doch natürlich! Wenn wir verheiratet sind, werden wir natürlich Kinder haben, dass ist ganz wichtig.

Wird dein Mann dir erlauben, zu arbeiten und Kinder zu haben?

Er sagt: Ja. Ich habe dieser Heirat ja auch zugestimmt, weil seine Familie so tolerant und offen ist wie meine. Wenn wir dann geheiratet haben – man wird sehen.

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

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