Schröpfen auf Kasse - Erfahrungsbericht über traditionelle chinesische Medizin
Nadeln sind mir nicht sonderlich sympathisch, vor allem, wenn sie mir in die Haut gepiekt werden sollen. Dennoch habe ich mich darauf eingelassen, vier Wochen am Stück gepiekt zu werden – in einer Klinik für traditionell chinesiche Medizin (TCM). Dazu musste ich nicht etwa nach China sondern nur in den bayrischen Wald, in das verschlafene Bad Kötzting. //Erfahrungsbericht von Martin Fütterer, 2005
Also soll ich gepiekt werden: Akupunktur. Viel davon gehört, noch nie erlebt. Mit einiger Spannung lege ich mich bäuchlings auf die Liege. Professor Ma aus Peking greift auf meinem Rücken Abstände ab und schließlich zur ersten Nadel. Die stößt sie mir ins Genick. Ein kleiner brennender Schmerz, der gleich vergeht, ein eigentümlich dumpfer Nervenschmerz, der länger anhält. Das ist wohl das „De Qi“-Erlebnis, wenn der Akupunkteur genau den Punkt trifft und das Qi, die Lebensenergie, aktiviert oder zum Fließen bringt. Eine Nadel rechts, eine links, so geht es ruckzuck mein Rückgrat hinab. Natürlich „stößt“ Professor Ma die Nadeln nicht in meine Haut, schließlich hat sie ihr Fach an der TCM-Universität Peking sieben Jahre gelernt und ist heute selbst Dozentin. Vielmehr setzt sie die Nadel mit leichter und sehr flinker Hand, der eigentliche Stich ist praktisch nicht zu spüren. Ich käme nie auf die Idee, dass die meisten Nadeln drei, vier Zentimeter tief in meiner Haut stecken, es spielt sich ja alles hinter meinem Rücken ab. Ganz gerne zupft und dreht Professor Ma aber noch mal an den Nadeln herum, damit es ordentlich De Qi gibt.
Besonders viel De Qi spüre ich bei der Nadel in meiner rechten Hinterbacke. Das ganze Bein zuckt und der Nervenschmerz fährt mir bis in den Fuß. 32 Nadeln habe ich am Ende in der Haut, entlang der Wirbelsäule, in den Kniebeugen, den Fußknöcheln und mitten auf dem Kopf. Nach wenigen Minuten klingt das De-Qi-Gefühl ab und ich entspanne mich.
Da jedoch erscheint Professor Ma mit einem Tablett voller kugelfömiger Gläser. Jetzt wird geschröpft. Ich sehe immer noch nicht, was sie da hinter meinem Rücken tut, aber ich rieche brennenden Alkohol und höre, wie Professor Ma klirrend mit dem brennenden Tupfer in das Glas fährt, damit der Sauerstoff verbrennt und Unterdruck entsteht. Ganz schnell setzt sie das Glas auf meinen Rücken. Meine Haut wird angesaugt und mancher der vierzehn Schröpfköpfe muss am Ende der Behandlung mit sanfter Gewalt entfernt werden, in jedem Fall mit lautem „Plopp“. Durch die Spannung der Haut melden sich auch die Nadeln wieder mit deutlichem De Qi. Dennoch empfinde ich das Schröpfen als angenehm, wie eine kräftige Massage.
Später schaue ich mir bei einem Mitpatienten den Vorgang an. Drei Zentimeter wird die Haut in die Schröpfköpfe gesaugt und verfärbt sich in kurzer Zeit zu einem dunkelblauen, kreisförmigen Bluterguss. Nach dem Abnehmen der Schröpfköpfe bleibt die Hautbeule noch gut eine Stunde sichtbar und fühlbar, die Blutergüsse halten sich fast zwei Wochen. Bei drei oder vier Akupunktur- und Schröpfbehandlungen pro Woche entsteht auf dem Rücken eine Landschaft von kreisförmigen blauen, roten, grünen und gelben Flecken: Blutergüsse in unterschiedlichen Stadien des Abheilens. Was aussieht wie ein Fall für Amnesty International fühlt sich aber sehr wohltuend an und bringt erstaunliche Linderung bei meiner Neurodermitis.
Akupunktur und Schröpfen sind der spektakulärste Teil der chinesischen Medizin (TCM), in Deutschland auch der bekannteste. Mindestens so wichtig ist die Behandlung mit Aufkochungen aus Pflanzen, Mineralien und allen möglichen anderen Naturstoffen. Einen halben Liter des Dekokts konsumieren wir täglich zwischen den Mahlzeiten. Meiner schmeckt ganz erträglich: säuerlich nach ausgekochten Mandarinenschalen und erdig nach all den anderen Sachen. Andere Patienten sind deutlich weniger von ihrem Gebräu angetan.
Abgerundet wird der Behandlungsplan durch Tuina-Massagen, welche in etwa der physikalischen Therapie entsprechen, nur dass dabei auch Akupunkturmedidiane berücksichtigt werden. Außerdem gehe ich ins Gruppen-Qi-Gong, einer Bewegungstherapie, bei der es mehr aufs Atmen ankommt als auf die Bewegung selbst und aus der sich Tai-Qi und andere asiatische Bewegungsarten bis hin zur Kampfkunst entwickelt haben.
Grund meines Aufenthaltes sind Müdigkeit, Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Neurodermitis, Wirbelsäulen-Probleme und ein noch verheilender Unterschenkelbruch. Mein deutscher Arzt Dr. Namislo und der chinesische TCM-Professor Zhang erfragen bei der Aufnahme außerdem Heißhungerattacken, schlechte Verdauung, Konzentrationsschwierigkeiten, einen trockenen Mund und viele andere Kleinigkeiten. Außerdem lässt sich Professor Zhang meine Zunge zeigen und fühlt meinen Puls. Das macht er ganz anders als deutsche Ärzte: Drei Finger legt er auf meine Schlagader und drückt abwechseln mal mit dem einen mal mit den anderen, mal tiefer, mal leichter. Und zwar an beiden Handgelenken.
„Der Patient grübelt zuviel. Milz- und Herz-Yin-Mangel, Milz-Qi-Mangel, Leberstagnation und aufsteigendes Leber-Yang. Der Puls ist schwach, zuwenig Blut!“ lautet seine Diagnose, die mir ein Dolmetscher übersetzt, denn Professor Zhang spricht kaum deutsch. Meine Güte! Gerade fühlte ich mich noch recht wohl, jetzt habe ich es an Herz, Leber und Milz und blutarm bin ich auch noch! Aber erst mal lasse ich mich einfach auf die Therapie ein. „Irgendwann komme ich und dann werde ich wissen wollen, was das alles bedeutet!“ informiere ich Dr. Namislo. Er lächelt gelassen.
Brav trinke ich also meinen chinesischen Kräuter-Dekokt, lasse mich pieken und schröpfen und von Dr. Wang Tuina-massieren. Zu meiner Überraschung will er keine nackte Haut sehen, im Gegenteil, er legt mir noch ein Tuch auf den Rücken und massiert da hindurch. Schon bald verschwinden die Rückenschmerzen und die Muskulatur wird weich und locker. Auch ich selbst werde weich und locker. War ich Anfangs noch der Meinung, ich könnte in der vier Wochen dauernden Behandlung ein ehrgeiziges Sportprogramm durchführen, muss ich bald feststellen, dass mir das schlicht nicht möglich ist. Nicht dass die Zeit fehlt – ich kann mich einfach nicht aufraffen. Ich werde müder und müder und schließlich schaffe ich es kaum noch aus dem Bett. Das geht nicht nur mir so, viele Patienten gehen früh ins Bett und pflegen ein zwei Schläfchen zwischendurch. Wären da nicht die Mahlzeiten und Behandlungen, es gäbe kaum Grund aufzustehen.
Die Mahlzeiten sind Teil der Therapie und Anwesenheit Pflicht. Sie sind vorzüglich zubereitet, ausschließlich aus frischen Zutaten und der Anteil biologischer Produkte ist hoch. In der traditionellen chinesischen Medizin gibt es eine sehr ausgekügelte Ernährungslehre und Therapie. Kein Wunder, 80% unserer Lebensenergie gewinnen wir laut TCM aus der Nahrung. Auffälliger Weise sind alle Mahlzeiten warm, auch das Frühstück. Hirse- und Reisbrei sind ungewohnt am Morgen, aber der Versuch steht dafür. Rohkost und Milchprodukte hingegen sind wenig vertreten und werden auch nicht empfohlen – Salat, frisches Obst und das in der Vollwertküche so typische kalte Müsli mit rohem Getreide, Milch oder Joghurt schwächen im Übermaß nach Ansicht der TCM das Qi.
Zweimal pro Woche ist Visite. Dr. Namislo und Dr. Zong hören sich an, was sich verändert und lassen sich Puls und Zunge zeigen. Die Kräuterrezeptur und die Akupunktur werden immer wieder angepasst. Erfolge zeigen sich zunächst im Kleinen: Rückenschmerzen und Neurodermitis-Juckreiz klingen ab. Die Verdauung kräftig sich, Blähungen sind nach drei Wochen fast ganz verschwunden. Auch auf meiner Zunge zeigen sich Fortschritte. Der Belag löst sich, die bläuliche Farbe weicht und die Zungenspitze ist weniger rot – Professor Zhang bezeichnet das als positiv. Meine Müdigkeit allerdings bleibt hartnäckig bis zum Ende. Oberärztin Dr. Rathke beruhigt mich, der Energieschub komme oft erst in der fünften oder sechsten Woche nach Behandlungsbeginn. Ich bin dennoch einigermaßen frustriert.
In weiser Voraussicht habe ich direkt im Anschluß an die vierwöchige Behandlung noch zwei Wochen Urlaub genommen. Andere Patienten haben weniger gut vorgesorgt. Ohne Übergang fahren sie wieder in die Arbeit und erleiden teilweise einen Rückfall in ihre Beschwerden. Ich hingegen gewöhne mich in Ruhe an einige neue Lebensgewohnheiten. Zum Beispiel Kräuteraufkochungen herstellen, denn meinen Dekokt soll ich noch zwei Monate weiter einnehmen. Neue Rezepte für warmes Frühstück und Weizen- und Milchfreie Mahlzeiten erlernen. Ein Akupunkteur will gefunden und gebucht sein, denn auch diese Behandlung soll ich noch einige Wochen fortsetzen. Nicht zuletzt versorgt mich eine kurze Urlaubsreise mit neuen Eindrücken und reißt mich aus dem Dauerschlaf, an den ich mich in vier Wochen Klinikaufenthalt gewöhnt habe.
Rund 75% der Patienten gehen zumindest mit einer leichten Besserung nach Hause, der Hälfte davon geht es sogar gut bis sehr gut. Erstaunlicher Weise erhöht sich dieser Anteil noch in den sechs Monaten nach der Behandlung. In Anbetracht dessen, dass die Patienten zumeist von der Schulmedizin als „austherapiert“ also hoffnungslos gelten, ist die Erfolgsquote der TCM-Klinik umso achtbarer. Einige Patienten sind schon das zweite oder dritte Mal da und erzielen zusätzliche Erfolge. Also werde ich wohl in einem Jahr mal wieder in Bad Kötzting vorbeischauen. Zumal das ganz ungewöhnlicher Weise die Kasse bezahlt – wenn auch erst nach hartem Kampf.
Die Klinik
In den 80er Jahren reiste der bayrische Unternehmer Anton Staudinger senior mehrfach geschäftlich nach China. Wegen eines Herzleidens ließ er sich dort traditionell chinesisch, hauptsächlich mit Qigong behandeln. In Deutschland wunderten sich die Ärzte anschließend über das Fehlen der typischen Wasseransammlungen bei Herzkranken. Wo denn das Wasser geblieben sei? Das habe er ausgeschwitzt, während ihm ein Qigong-Meister die Hand auflegte. Die deutschen Schulmediziner hoben ungläubig die Augenbrauen.
Staudinger jedoch ergriff die Initiative, diese Heilkunst in Deutschland hoffähig zu machen. Er erwarb das zu klein gewordene Krankenhaus in der Mitte seines Heimatortes Bad Kötzting, gründete eine Privatklinik für traditionelle chinesische Medizin (TCM). Zusammen mit seinem Sohn Anton Staudinger junior, dem heutigen Geschäftsführer, baute er eine Kooperation mit der Lehruniversität für TCM in Peking auf und rang den Krankenkassen einen Versorgungsvertrag ab, der die TCM-Behandlung als Kassenleistung ermöglichte. Dazu gehört auch eine wissenschaftliche Begleitung, unter anderem durch die Universität Witten-Herdecke, das Zentrum der naturheilkundlichen Forschung der technischen Universität München, das Johann-Goethe-Institut in Frankfurt und die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur.
Die chinesischen Ärzte werden von der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin Beijing (Peking) nach Kötzting entsandt. Sie haben ein vierjähriges Medizinstudium und eine dreijähriges Zusatzstudium in TCM absolviert und sind in der Regel selbst Dozenten oder haben zumindest zehn Jahre Berufserfahrung.
Die Klinik ist keine Kureinrichtung, sondern ein normales Akutkrankenhaus. Deswegen ist auch kein Kurantrag erforderlich, sondern eine Einweisung durch einen Hausarzt. Es zahlt die Krankenkasse, nicht der Rentenversicherungsträger.
Indikationen
Für diese Indikationen sieht sich die Klinik besonders zuständig:
- Erkrankungen des Stütz- und
Bewegungsapparates - Erkrankungen der Atemwege
- Funktionelle Schmerzzustände
- Nervenerkrankungen
- Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Hormonell bedingte Erkrankungen
- Hautkrankheiten
- Chronische Müdigkeitssyndrome
- Allergien
TCM Schule:
Die Klink bildet in allen Methoden der TCM auch aus. Die Ausbildung ist sowohl für zugelassene Ärzte als auch Heilpraktiker und Physiotherapeuten möglich.
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