Kundalini Yoga: Nur NICHTS denken
Guru: Das klingt geheimnisvoll, nach spiritueller Erleuchtung, geistiger Führerschaft aber auch Sekte und Massenhysterie. Gute Gründe, neugierig zu sein und einen Weltklasse-Guru kennen zu lernen, der Hollywood-Stars ebenso unterweist wie ein ganz normales Yoga-Zentrum in Darmstadt. Dabei stellt sich heraus: Er ist ja garkein Guru... //Text Martin Fütterer, Fotos Claudia Trunk
Darmstadt, März 2005. Das Hotel Maritim ist bei allem Protz auf subtile Weise ungepflegt und abgenutzt. Flugpersonal aus Indien trifft sich in der Lounge auf eine Zigarette vor dem Rückflug. Sat Want Kaur erwartet uns. Wie gewohnt erscheint sie in indischer Kleidung und mit Turban. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit für die Firma Golden Temple (Yogi Tee) und für Sat Nam Rasayan, eine Yoga-, Meditations- und Heilkunst aus Indien. Ihr indisches Outfit ist Berufsbekleidung für beides – und vermutlich trägt sie es auch privat. Für die Yogalehrerin ist Beruf gleich Berufung, privates und berufliches Interesse deckungsgleich.
Sat Want Kaur hat uns eingeladen, Guru Dev Singh kennen zu lernen, ihren Yoga- und Meditations-Meister. Er ist nach Deutschland gekommen, um einen Workshop in Sat Nam Rasayan zu geben. Vorher haben wir zwei Stunden Zeit für eine persönliche Heilbehandlung und ein Gespräch mit dem Meister. Im sechsten Stock betreten wir die Suite 626. Guru Dev sieht unzweifelhaft indisch aus: Dunkelhäutig, barfuß, weißgewandet, Rauschebart und Turban. Nichtsdestotrotz ist er Mexikaner, lebt in Rom und ist beständig zwischen allen Kontinenten unterwegs.
Was genau ist denn ein Guru? Er jedenfalls sei keiner, antwortet Guru Dev Singh. „Guru ist nur ein Teil meines spirituellen Namens und bedeutet 'vom Dunklen ins Licht'. Ich bezeichne mich als Yogi und Heiler.“ In der Tradition der indischen Sikhs, der auch Sat Nam Rasayan entstammt, ist man ganz von dem Titel Guru abgekommen. Der Titel hat Menschen zu oft verleitet, die Person zu verherrlichen, statt sich mit der Botschaft zu beschäftigen.
Was der Unterschied sei zwischen den Heiltechniken, die er ursprünglich in Mexiko praktiziert habe und dem, was er heute anwende. „Mein Lehrer in Mexiko stand in der schamanistischen Tradition der Indianer. Er hatte ein unglaubliches Gespür für die Beziehung der Dinge und der Menschen zueinander. Ein Beispiel: So wie diese Tasse, der Teller und das Schrot&Korn Heft hier auf dem Tisch angeordnet sind, haben sie eine Beziehung zu der Verspannung in deinem rechten Bein.“ Er drückt am Schienbein auf meinen Muskel – das tut weh. „ Wenn ich die Anordnung verändere, verändert sich auch dein Bein.“ Tasse und Teller werden umgestellt, er drückt erneut auf meinen Muskel – der Schmerz ist weg. „Eine Frau kam zu ihm und klagt über starke Schmerzen in der Brust. Er wollte, dass sie in die Tür beißt. Die Frau biss in die Tür und der Schmerz war weg.“ Ob es auf die Tür ankäme oder auf das Beißen, frage ich nach. „Auf beides: Diese Frau musste in genau diese Tür beißen. Hätte sie in den Teppich gebissen, hätte es nicht geholfen! (Lacht.) Mein Lehrer war ein Wanderer und Steine, Vögel, Bäume sprachen zu ihm. Was ich bei ihm lernte, funktionierte gut in der Natur und im dörflichen Umfeld. Aber in der modernen westlichen Zivilisation kam ich damit nicht zurecht. In seiner Weltsicht hat Gott keinen bestimmten Ort, deswegen ist er überall, in allem und jedem. In einer westlichen Großstadt ergibt das ein ganz schönes Durcheinander.
Praxisversuch am eigenen Leib
„Ich fange mit ihr an“, erklärt der Meister und zeigt auf Claudia, unsere Bildredakteurin, die mich als Fotografin begleitet. Das kommt unerwartet – aber das Mindeste, was man von einem solchen Mann erwarten kann, ist schließlich das Unerwartete. Claudia legt sich auf den Boden und Guru Dev berührt leicht ein Bein und einen Arm. „Die Energie der Gebärmutter ist gestaut“, erklärt er zu Claudias Überraschung. Aber ein leichter Druck auf ihren Bauch überzeugt sie von der Richtigkeit der Diagnose – es tut ganz schön weh. „Und die linke Niere ist etwas schwach.“ Das wiederum ist für Claudia eine bekannte Tatsache. „Du bist eine sehr kreative Persönlichkeit, aber diese Schwäche nimmt dir immer wieder die Energie.“ Guru Dev vertieft sich in Meditation und auch Claudia versinkt irgendwo, Minuten verstreichen in Schweigen. Als beide die Augen aufschlagen, ist der Schmerz im Bauch deutlich geringer und Claudia fühlt sich bedeutend wohler.
Die Erklärung: „Es passiert dir immer wieder, dass du in Verwirrung gerätst.“ Das ist gemäß der Lehre von Dev Singh notwendig und begrüßenswert, ein Schritt zu neuen Erkenntnissen. Aber wer verwirrt ist, sucht nach alten Sicherheiten und hält sich daran fest. „Das kostet dich viel Kraft. Du solltest lernen, die Verwirrung zu begrüßen und zu genießen. Sie wird dich weiter bringen.“
Auf solch allgemeine Ratschläge beschränkt sich der Lehrer nicht. Er zeigt Claudia zwei Yoga-Übungen und Mantras, die dazu gesprochen werden. Eine soll sie befähigen, im Alltag funktions- und entscheidungsfähig auch dann zu sein, wenn grundsätzlichere Themen sie in Verwirrung stürzen. Diese Übung empfiehlt er für 90 bis 120 Tage. Die andere Übung ist eine Empfehlung fürs Leben. „Sie wird dir Kraft geben, dir helfen, dich zu entwickeln. Diese Übung gehört zu dir, das ist einfach DIE Übung für dich. – Und du wirst dich immer an mich erinnern!“ Er lacht.
Dann bin ich an der Reihe. Ich lege mich hin, schließe die Augen und lasse mich treiben. Eine ganze Weile tut sich nichts, aber dann wird es um mich hell und weit. „Puh, es ist ein bisschen besser geworden, aber dafür musste ich hart arbeiten!“ ächzt Guru Dev und Claudia nickt bestätigend. „Du bist an sich sehr gesund, aber die Energie fließt nicht. Da sind Blockaden in der Brust und zurückgehaltene Gefühle. Du hast jede Menge Energie, aber sie darf sich nicht manifestieren. Das Zurückhalten kostet dich manchmal mehr Kraft als du hast.“ Auch ich bekomme zwei Yoga-Übungen, die ich täglich elf Minuten machen soll. Eine vierzig Tage lang und die andere bis es besser ist. Außerdem erfahre ich, dass ich als Journalist schreibe um zu lehren. Gesundheit sei mir ein wichtiges Anliegen, aber meine Rolle sei nicht die eines Heilers, sondern die eines Lehrers. „Wenn dich jemand tröstet oder heilt, wirst du es nicht einfach annehmen, sondern versuchen herauszufinden, was da passiert ist und es anderen erklären!“ Nun – für heute zumindest ist genau das mein Vorhaben.
Der Workshop
Dann geht es in die Darmstädter Innenstadt zum Workshop. Etwa 20-25 überwiegend indisch gewandete Yoga-Schüler erwarten uns im Yogazentrum. Eine elfminütige Yoga-Übung mit Mantra-Rezitation stellt meine Hüftbeuger auf eine harte Probe, da ich weder Schneidersitz noch Yogasitz gewohnt bin und mir auf den Knien die Beine einschlafen. Die Yogaübungen des heutigen Tages bestehen im Wesentlichen darin, eine bestimmte Haltung einzunehmen und darin entweder zu verharren oder relativ kleine Bewegungen auszuführen, z.B. die Hände zu drehen. Die Finger nehmen dabei sehr spezielle Haltungen ein (Mudras). Dazu wird ein Mantra rezitiert, zum Beispiel „Wa-hey-guru“ (assoziiert mit Wasser, Wind, Feuer). Oder der Nabel regelmäßig eingezogen, beim Einatmen wohlgemerkt. 11-21 Minuten pro Übung sind ganz schön hart. Sat Nam Rasayan steht in der Tradition des Kundalini-Yoga, die Unterschiede zu dem eher gymnastischen Hatha-Yoga sind beträchtlich.
Warum soll man überhaupt heilen?
Guru Dev kündigt an, mit den Schülern am elektromagnetischen Feld arbeiten zu wollen, um andere zu heilen. Als Einstieg wirft er die Frage auf, warum man überhaupt jemand anderen heilen soll. Er zeichnet das Bild von einem Menschen, der sich sein Leben lang an Pommes Frites überfressen hat und nun ein Herzleiden hat. Warum sollte man den heilen wollen? Eine Schülerin vermutet „aus Mitgefühl“, ein zentraler Begriff in der hinduistischen Philosophie. „Mitgefühl mit was?“ fragt Guru Dev nach, „hat der Mensch nicht einfach Karma auf sich geladen, in dem er Pommes aß und bezahlt nun völlig zu Recht die Rechnung? Die Pommes haben ihm gut geschmeckt, er hat es genossen.“ Die Schüler wissen keine Antwort. „Nicht das Leiden ist das Problem, “ erläutert Guru Dev, „sondern die Ablenkung, die es produzieren kann.“
So ganz verschwinden im Laufe der Erklärungen die Fragezeichen auf den Gesichtern der Schüler nicht, es mag auch an der Sprachbarriere liegen. Eingedenk der Lehrerrolle, die Guru Dev mir zuschreibt, lege ich mir seine Aussagen so zu Recht: Menschen benutzen Leiden, um sich von ihrer eigentlichen Aufgabe abzulenken – die Welt zu entdecken und Erfahrungen zu machen, sich in der Welt und mit der Welt zu entwickeln. Alles, was uns vereinnahmt, ist Ablenkung. Das kann Leiden sein, die Jagd nach Macht, Reichtum, Ruhm, Sex, Genusssucht, Sorge, Angst, Überzeugungen, jede Art Fixierung auch in kleinen Dingen. Macht, Geld und Sex an sich sind vollkommen ok, und Leiden kann eine konstruktive Erfahrung sein, solange man sich nicht davon vereinnahmen lässt. Heilen bedeutet demnach nicht, Leiden zu eliminieren, sondern die Vereinnahmung, die Ablenkung aufzulösen. Das „Mitgefühl“ gilt nicht dem Leiden, sondern der Erstarrung und Verflachung des Lebens. Wer heilt, weil er das Leid anderer nicht ertragen kann, handelt nicht aus Mitgefühl, sondern aus eigenem (Mit-)Leid, aus dem er sich nicht befreien kann – und das ist auch Ablenkung!
Tücken der Theorie
„Wenn wir heilen, spüren wir die Tendenzen im System des Patienten und stoßen auf Intoleranzen und Widerstände. Indem wir die Widerstände reduzieren, erhöhen wir die Toleranz im System.“ So Guru Dev im Workshop und fast gleichlautend in vielen Interviews. Es bleibt irgendwie theoretisch. Ebenso die Beschreibung der Technik: „Wir begeben uns in einen meditativen Raum, den „sacred space“, steuern den Fluss im Pranakörper (Prana=Lebensenergie) und das Zusammenspiel der Elemente. Das Hauptziel in Sat Nam Rasayan ist, die Struktur des Klienten, sein System in seinen Zustand natürlicher Toleranz zu bringen.“ Guru Dev bringt es irgendwann selbst auf den Punkt: „Alles, was man über Sat Nam Rasayan in Worte fasst, ist Unsinn. Je weniger man darüber redet, desto weniger Zeit verschwendet man.“ Damit geht er zur Praxis über. Er selbst hat Sat Nam Rasayan von dem indischen Yogi Bhajan ohne Worte gelernt. 10 Jahre hat er dazu gebraucht. Bis dahin war das das einzige Lehrverfahren. Als Guru Dev selbst Meister wurde, stellt ihm Yogi Bhajan eine völlig neue und unerhörte Aufgabe: Er sollte der erste sein, der Sat Nam Rasayan mit Worten lehre – den Erfordernissen westlicher Menschen entsprechend. Eine offensichtlich schwierige Aufgabe. Sein Problem teilt er allerdings mit allen spirituellen und religiösen Lehrern: Worte sind in diesen Belangen unzulänglich.
Vor der Praxis kommen dann doch noch mehr Worte: „Jeder von uns ist ein System von Körper und Geist. Dein System wird von einer bestimmten Intelligenz gesteuert. Das System des Patienten wird von der gleichen Intelligenz gesteuert. Alles was mit dem Patienten geschieht und was mit dir geschieht, steht miteinander in Beziehung.“ Ob man die Verknüpfung zwischen Heiler und Patient als Intelligenz oder Energiefeld beschreibt, die Einsteiger-Methode erscheint ziemlich simpel: Der Heiler berührt den Patienten mit den Händen. Er achtet auf die Empfindungen an sich selbst, z.B. die Haut an beiden Armen. Wenn diese Empfindungen unangenehm oder am linken Arm anders sind als rechts, gleicht er diese Empfindungen an sich selbst aus, so dass sie angenehm und symmetrisch werden. Wenn alles klappt, verspürt der Patient Erleichterung. Der Heiler wird dabei seine Aufmerksamkeit nacheinander auf verschiedene Körperregionen des Patienten richten, ihn sozusagen durch scannen. Und immer darauf achten, was er dabei an sich selbst empfindet.
Der Heiler manipuliert sich selbst, nicht den Patienten
Der Heiler arbeitet also an sich selbst, nicht am Patienten. Das immerhin ist ein gewaltiger Unterschied zu gängigen westlichen Methoden, bei denen immer am Patienten manipuliert wird. Dein Sein beeinflusst mein Sein, ich nehme es wahr, ich kontempliere die Wahrnehmung – was noch erläutert werden muss – ich verändere meine eigene Wahrnehmung und mein eigenes Sein und dadurch kann sich auch dein Sein verändern. Die Auswirkungen einer solchen Sichtweise reichen weit über den medizinischen Bereich hinaus. Ehepartner, die sich nicht gegenseitig zu ändern suchen, sondern an ihrer eigenen Reaktion auf den anderen arbeiten. Eltern, die vorleben statt vorlabern. Zu schön, um wahr zu sein?
Voraussetzung für die Heiltechnik ist ein meditativer Zustand, in dem alle Wahrnehmungen „kontempliert“ werden. Da ist der Begriff „Kontemplation“, und im Workshop gelingt es nicht so recht, darüber Verständnis herzustellen. Mir scheint jedenfalls, dass sich die Fragenden auch dann mit Antworten zufrieden geben, wenn sie sie eigentlich nicht verstehen. Das mag eine Begleiterscheinung des Guru-Wesens sein: Man nimmt eine gewisse Unverständlichkeit in Kauf, rechnet vielleicht sogar damit und schreibt sie sich selbst und seinem unentwickelten Bewusstsein zu. Guru Dev jedenfalls stellt fast jede seiner Aussagen zu fast jedem Thema selbst in Frage, was bei den Teilnehmern Lachen aber auch Unsicherheit auslöst. Aus der Vorgehensweise könnte man schließen, dass es keine absolute Wahrheit gibt, eine Ansicht, die die Welt der Spiritualität in zwei Hälften spaltet – eine tolerante und eine - hm – weniger tolerante. Oder dass man sich seine Meinung letztlich selbst bilden soll und ein Guru weder das eigene Denken ersetzt noch Quell von Dogmen ist. Oder man kann daraus schließen, dass Guru Dev harten, ergebnisorientierten Diskussionen und klar umrissenen Definitionen aus dem Weg geht. Vielleicht es auch nur der Umstand, dass Englisch weder die Muttersprache von Guru Dev noch der Teilnehmer ist.
Jedenfalls fordert die Unklarheit um den Begriff Kontemplation den Lehrer in mir heraus. Schließlich will ich Guru Dev nicht Lügen strafen. Ich erklär es mir so:
Geheimnisvolle Kontemplation
Kontemplation ist wie 3D-Kino. Man zieht die Spezialbrille auf und der Hai schwimmt plötzlich aus der Leinwand auf einen zu und beißt einen mitten durch. Kontemplation heißt den Hai sehen, die Angst zu spüren, das rasende Herz, den kalten Schweiß, den tödlichen Biss, - aber auch die Zähne zu zählen und die Farbe der Haut und des Haiauges wahrzunehmen, – und gleichzeitig zu wissen, dass das alles Illusion ist und spurlos durch den Körper geht – und zu erkennen, wofür der Hai steht: Für Kraft und Grausamkeit, Schönheit und Tod, Zerstörung des Ich und das Aufgehen in der Unendlichkeit der Nahrungskette – zum Beispiel. Der Mensch in Kontemplation befindet sich an zwei bis vier Positionen gleichzeitig, die man normalerweise allenfalls nacheinander einnimmt: In der des Erlebenden, des Beobachtenden, des Unbeteiligten und des Erkennenden. Gleichzeitig an gegensätzlichen Polen zu sein nennt man Transzendenz Für den Verstand bedeutet das Knoten im Gehirn. Spiritualität ist voll solcher Knoten.
Kontemplation kann man nicht erzwingen, aber üben. Es nicht etwas, was man „versteht“, sondern erlebt. Es ist, wie wenn das Auto auf schneeglatter Fahrbahn plötzlich die Haftung verliert und driftet. Das Lenkrad des Verstandes wirkt nicht mehr so wie gewohnt. Rallyefahrer kommen im Drift auch bei glatter Straße dahin, wo sie hinwollen, sie fahren sogar auf trockener Straße meistens im Drift. Geübte in Meditation geben gezielt die Haftung des Verstandes auf und driften dennoch nicht in Träume oder Schlaf ab – was für das Auto der Straßengraben ist – und fressen sich auch nicht an kreisenden Gedanken fest wie durchdrehende Räder auf Eis. Stattdessen schweben sie elegant um die Kurven der spirituellen Erkenntnis. Ist das nicht eine schöne Allegorie?
Den Rest des Tages wird geübt. Zunächst lernen die Schüler, Geräusche zu kontemplieren statt sich von ihnen aus der Meditation reißen zu lassen. Aus anderen Konzentrationsübungen und Meditationsübungen kenne ich die Möglichkeit, Geräusche sogar dazu zu benutzen, tiefer in die Meditation oder Konzentration zu versinken: „Mit jedem Schlag des Pressluftbohrers versinke ich tiefer in Meditation.“ Das funktioniert, und wenn es mit Geräuschen möglich ist, dann kann man fast jedes Erlebnis dazu benutzen, in einen anderen, gewünschten Zustand zu kommen. Vielleicht ist das geistiges Yoga, mir kommt es vor wie geistiges Judo: Die Energie der Störung, des Leides und des Schmerzes für die eigenen Ziele nutzen.
Ich selbst habe beim Üben eine privilegierte Rolle: Ich bin Übungspatient. Stunde um Stunde liege ich da, während Sat Want Kaur ihre Heilungskünste an mir vervollkommnet. Ob ich dabei geheilt werde, wer weiß. Es ist auf jeden Fall sehr entspannend.
Am Ende überreden wir Sat Want Kaur, für einige Yogaübungen Modell zu stehen. Dazu muss sie über die Hürde ihrer Bescheidenheit steigen, was ihr an der Hand von Guru Dev gelingt. Dann eilt sie weg, den folgenden Tag organisieren. Etwas benommen verlassen wir das Yogazentrum und finden uns in der Realität einer Einkaufszone wieder. 50 Meter entfernt ist eine esoterische Buchhaltung und in Körben liegen Sonderangebote und Ausverkaufsbücher über so ziemlich jedes Selbst- und Lebenshilfethema. Warum sind die Bücher wohl im Ausverkauf – haben die angebotenen Rezepte nicht gewirkt?
Fazit: Das Ende der Dogmen und die Tücken der Praxis
Die nächsten Tage sind wir damit beschäftigt, unsere Eindrücke zu sortieren. Wir sind beeindruckt und es war – für uns – ein toller Tag mit großem persönlichem Nutzen. Aber es bleiben auch viele Fragen offen. Die Intuition von Guru Dev ist beeindruckend, sein Humor erfrischend und vieles, was er gerade zu uns persönlich sagte, schien den Punkt gut zu treffen. Wenn man genau hinschaute, waren seine Aussagen und Antworten allerdings oft so allgemein formuliert, dass sie wie Projektionsflächen wirkten, auf die man bei gutem Willen seine eigene Bedeutung projizieren konnte. Diesen guten Willen kann man bei denen voraussetzen, die einen gestigen Lehrer aufsuchen: Nicht zu hinterfragen, sondern das Zutreffende zu suchen oder bei Unverständnis zumindest zu vermuten. Aber spielt das eine Rolle? Ist es so wichtig, ob der Lehrer DIE Wahrheit verkündet oder jedem dazu verhilft, SEINE Wahrheit zu finden? Ich persönlich kann und will den kritischen Verstand jedenfalls nicht ausschalten. Und ich kann das Bedürfnis nach einem geistigen (und oft auch weltlichen) Führer verstehen: Es macht das Leben einfacher. Aber es öffnet auch Türen für Missbrauch und erlegt dem „Führer“ eine hohe Verantwortung auf.
Im Sat Nam Rasayan gibt es vier Dogmen oder Prinzipien. Das vierte lautet: Die ersten drei Prinzipien sind nur für die Anfänger. Im Prinzip gibt es keine Prinzipien. Das gefällt mir. Und es ist genauso gefährlich wie Dogmen. Die Gefahr hier heißt Beliebigkeit und Willkür.
Zuhause stehen wir vor der Frage, ob und was wir von den Ratschlägen persönlich umsetzen. Es stellt sich heraus, dass wir – bisher – den Hintern nicht hochkriegen, die empfohlenen Yogaübungen zu praktizieren. Wir stoßen dabei auf ein Phänomen, dass außer uns noch mehr Menschen der Moderne plagen dürfte: Es sind nur 11 Minuten pro Übung. Zweimal am Tag. Mal zwei Übungen. Was sind schon vierundvierzig Minuten für das Versprechen nachhaltiger Gesundheit und geistigen Wachstums? Aber da ist ja noch die Stunde Ausdauersport, die Dehnübungen gegen verkürzte Muskeln, die Einrenkübungen von der Physiotherapeutin für eine wohlige Wirbelsäule, die zehn Minuten am Boxsack um die Aggressionen los zu werden, die Meditationsübung, das wöchentliche Paargespräch, die Besprechung mit der Homöopathin, und die vielen süßen Stunden Schlaf.... Alles ungeheuer wichtig. Alles unerlässlich für Glück und Wohlbefinden – aber jedes für sich alleine nicht ausreichend. Und alles zusammen braucht ganz schön viel Zeit. Da sind vierundvierzig zusätzliche Minuten der Unterschied zwischen Fass voll und Fass übergelaufen. Oder muss man sich etwa entscheiden und eines davon RICHTIG machen? ;-)
Sat Want Kaur hat ihre Entscheidung getroffen. Für sie ist Sat Nam Rasayan DAS Ding und mit 11 Minuten gibt sie sich nicht ab. Zwei Tage nach unserem Workshop fliegt sie nach Indien zu einer Supermeditation. 60 Adepten werden unter Anleitung von Guru Dev die Meditation zum „goldenen Yogi“ mache. Dazu werden sie ein ungefähr einminütiges Mantra 11.000 Mal (elftausend!) rezitieren. „Nach ein paar Stunden wird man dabei rasend schnell und wir wollen ja auch fertig werden. Wenn wir nachts vier Stunden schlafen, werden wir ungefähr 5 Tage brauchen.“ Es ist schon die zweite Veranstaltung dieser Art, an der sie teilnimmt. „Bei ersten Mal haben wir es nicht ganz geschafft. Keiner von uns hat den Zustand des goldenen Yogi erreicht.“ Wird es jemals jemand schaffen, das Mantra 11.000 Mal fehlerfrei zu rezitieren? Hängt der Korb vielleicht so hoch, dass man immer sagen kann, man hätte ihn knapp verfehlt, wenn das Wunder, die Verwandlung nicht eintritt? Die Möglichkeit des Wunders bliebe erhalten – und in der Realität träte es praktisch nie ein. Was aber wäre die Welt ohne die Möglichkeit des Wunders?
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Sehr gut, weiter so, gibt nee Menge zu tun, Yogi Bhajan zu erfahren, Yogi Dev Singh erleben und jeder Derer die den „goldenen Yogi“ erleben möchten und 11000 mal ein Mantra rezitiert und es noch ein Drittes oder Viertes mal versuchen, weiter so, Sat Nam
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Submitted by Gast (nicht überprüft) on 7. November 2010 - 21:49.Ich persönlich habe Guru Dev bisher nur auf dem Kundalini Yoga Fesival in Frankreich erlebt und muss sagen er ist ein sehr guter Lehrer - er ist Meister.Wenn Dir Sat Nam Rasayan gefallen hat kann ich Dir Kundalini Yoga nur empfehlen, dass dürfte dann auch Boxtraining und Ausdauertraining ersetzen ;-)
Vielen Dank für diesen schönen Artikel!
Sat Nam
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Submitted by Yoga Tobi (nicht überprüft) on 17. February 2008 - 2:46.Ich praktiziere Sat Nam Rasayan seit vielen Jahren und denke, dass das Heilen von anderen eine - wenn auch angenehme - Nebenwirkung ist.
Der eigentliche Gewinn ist die Wirkung auf einen selbst - das eigene Weltbild wird immens erweitert und dehnt sich in der Praxis immer weiter aus - ein sehr effizientes Mittel zur Bewusstswerdung.
Dies ist besonders geeignet für Menschen, die ihre eigene Yoga- oder Meditationspraxis weiter vertiefen wollen.
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Submitted by Sangeet (nicht überprüft) on 23. June 2010 - 10:54.