Fukushima 2013 - Japan am Boden. Ein Szenario im Rückblick.
Zwei Jahre nach dem Jahrhundertbeben im März 2011 ist Japan zum Paria der Weltgemeinschaft abgestiegen. Schuld ist nicht die Naturkatastrophe mit nachfolgendem Tsunami sondern das radioaktive Desaster in Fukushima. // Martin Fütterer
Tokio, April 2013. Die Insel Honshū, das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Japans, ist weitgehend von der Welt abgeschnitten. Die Menschen dort sind auf sich allein gestellt und schon auf den japanischen Nachbarinseln nicht gern gesehen. Nahrung und Wasser sind mehr oder weniger stark kontaminiert, ebenso die landwirtschaftlichen Nutzflächen und das Meer vor allem im Nordosten. Das von Erdbeben und Tsunami zerstörte Gebiet ist verlassen, auch da, wo sich die Verseuchung in Grenzen hält, denn das Geld für den Wiederaufbau fehlt. Strahlungsbedingte Krankheiten nehmen bereits zu und nicht kontaminierte Nahrungsmittel werden knapp, denn der japanischen Regierung geht das Geld für dauerhafte Nahrungsmittelhilfe aus.
Die Regierung ist schon Ende 2011 nach dem ersten starken Fallout in Tokio erst nach Osaka im Süden Honshūs und dann auf die Nachbarinsel umgezogen, ebenso die Zentralen vieler Behörden und Großunternehmen, die von dort versuchen, Japans wirtschaftliche Schlagkraft wieder herzustellen. Doch der Außenhandel Japans ist mehr oder weniger zusammengebrochen, viele Unternehmen sind pleite, die Arbeitslosigkeit liegt bei 40% und die Steuereinnahmen des ohnehin stark verschuldeten Landes haben sich halbiert.
Noch immer verbreitet die Atomruine Fukushima Radioaktivität. Zwar konnte eine Explosion der Reaktoren verhindert werden, wie sie 1986 in Tschernobyl stattfand, doch ist nicht mehr zu leugnen, dass aus den vier schwer beschädigten Reaktoren insgesamt mehr Radioaktivität ausgetreten ist als in Tschernobyl.
Zögernd nur hat die japanische Regierung die Evakuierungszone auf 70 km erweitert. Die Verseuchung machte an dieser Grenze nicht halt. In den ersten Wochen nach dem Unfall war die Wetterlage beruhigend stabil und die Windrichtung günstig, die Megastadt Tokio mit ihren 40 Millionen Einwohnern blieb wochenlang von stärkerem Fallout verschont. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.
Bei der Explosion in Tschernobyl wurden die radioaktiven Partikel so hoch in die Atmosphäre geschleudert, dass ein großer Teil rund um den Globus verweht und verdünnt wurde. In Fukushima hingegen wird die Radioaktivität nun schon zwei Jahre in bodennahen Luftschichten freigesetzt, bei jeder Jahreszeit, Wetterlage und Windrichtung. Die Hauptwindrichtungen Nordwest-Monsun im Winter und Südwest-Monsun im Sommer haben den größten Teil der radioaktiven Teilchen auf den Pazifik getragen. An etwa siebzig Tagen im Jahr bläst der Wind jedoch auch aus anderen Richtungen, unter anderem nach Süden, wo die Megastadt Tokio und die Region Kanto liegen, die bis dahin 38% der japanischen Wirtschaftsleistung erbrachten.
Die unbewohnbare Zone rund um Fukushima ist mit 70km Radius kleiner als um Tschernobyl. Jedoch hat es in einem Umkreis von drei- bis fünfhundert Kilometern um Fukushima in den letzten vierundzwanzig Monaten fast überall einmal geregnet, nachdem der Wind radioaktive Partikel in die entsprechende Richtung geblasen hatte. Die radioaktive Belastung in diesen Falloutzonen ist nicht unmittelbar gefährlich für die Gesundheit, übersteigt aber internationale Grenzwerte erheblich.
Die Kontamination blieb außerdem nicht lange auf die Gebiete beschränkt, in denen Fallout niederging. Erst spät realisierten die Verantwortlichen, in welchem Maß radioaktive Verseuchung aus den Falloutzonen in die angrenzenden Gebiete wanderte: Längst wird auf Honshū radioaktive Belastung praktisch überall gemessen. Am gravierendsten ist die Lage in und um Tokio.
Im Gegensatz zu ländlichen Zonen konnte ein Ballungsraum mit 40 Millionen Menschen nicht aufgegeben und geräumt werden, also muss dort die Bevölkerung weiter leben, arbeiten und versorgt werden. Seit fast zwei Jahren fahren wie vor dem Fallout jeden Tag Zehntausende LKWs in die verseuchte Stadt und wieder heraus und nehmen radioaktiven Staub mit. Das Umladen der Güter in Fahrzeuge, die nur in der Falloutzone verkehren, wurde wegen der riesigen Zahl bald wieder aufgegeben.
Über den Heiz- und Klimaanlagen von Fabriken und Hochhäusern steigt radioaktiver Staub hunderte von Metern auf, wird vom Wind großflächig verteilt und bildet die Grundlage für erneuten Fallout hunderte Kilometer von Tokio entfernt. Der Abfall von Millionen von Menschen muss weiterhin zum großen Teil aus Tokio herausgeschafft werden. Von den Müllhalden und Müllverbrennungsanlagen in Tokio und Umgebung bläst der Wind radioaktive Partikel ins Umland.
Zwar wurden die Bewohner von Tokio angehalten, Reisen in andere Teile Japans einzuschränken, aber verbieten konnte man sie nicht. Millionen von Menschen konnte man nicht einsperren. Auch die massenweise Dekontamination an den Grenzen der Falloutzonen stieß bald an ihre Grenzen. Berufspendler und private Reisende haben radioaktiven Staub an ihren Kleidern.
Jeder Fluss und jeder Bach, der aus den Falloutzonen herausfließt, verteilt die Radioaktivität. Auch an der westlichen Küste von Honshū wird Radioaktivität gemessen, wenn auch in geringerer Konzentration. Winde vom Meer treiben radioaktiv kontaminierte Wolken von Fukushima immer wieder gegen die Gebirgshöhen im Landesinneren, wo sie über den Wasserscheiden abregnen, so dass Radioaktivität auf beiden Seiten des Gebirges in die Flüsse gelangt.
Japans Regierung hat auf die unaufhaltsame Verbreitung von radioaktiven Partikeln reagiert, indem sie die Grenzwerte auf ein Vielfaches angehoben hat. Reisende Japaner werden rund um die Welt mit Misstrauen und Messgeräten empfangen – soweit es ihnen gelingt, einen Flug aus Japan heraus zu bekommen. Geschäftsreisende und Touristen aus dem Ausland meiden zumindest Honshū weitgehend, und nur ganz wenige Unerschrockene treffen sich noch mit ihren japanischen Geschäftspartnern. Soweit noch Geschäfte gemacht werden.
Ausländische Fluggesellschaften und Reedereien meiden Tokio und den Hafen Yokohama seit fast zwei Jahren. Ihre Flugzeuge und Schiffe würden in so stark kontaminiert, dass sie außerhalb Japans wegen überschrittener Grenzwerte nicht mehr landen oder anlegen dürften. Ständige Dekontamination hat sich als unbezahlbar erwiesen. Japanische Airlines können im Ausland nur landen, wenn sie nicht von Honshū starten und vor dem Start die Einhaltung der Grenzwerte nachweisen. Ähnliches gilt für japanische Schiffe, die meist schon auf hoher See von der Küstenwache der Zielländer abgefangen und untersucht werden.
Längst haben Wirtschaftsunternehmen weltweit damit begonnen, Alternativen zu den Fertigungsstätten in Japan aufzubauen. Solange die Verseuchung auf bestimmte Zonen einzugrenzen war, konnten aus anderen Gebieten noch Güter bezogen werden und der Kontrollaufwand war vertretbar. In dem Maße, wie sich Radioaktivität auf Honshū unkontrolliert verbreitet, wird der Messaufwand zu teuer und steigt das Risiko, dass Güter kontaminiert sind.
Auch wenn bei weitem nicht jedes japanische Produkt kontaminiert ist oder nur äußert gering, will kein Verbraucher der Welt mehr ein japanisches Handy haben, das er sich stundenlang an den Kopf hält. Es sollte noch nicht einmal japanische Bauteile enthalten. Das ist zu einem beträchtlichen Teil irrational. Aber Unternehmen in USA, Europa oder China können ihre Kunden nur mit der Versicherung beruhigen, dass grundsätzlich keine Teile aus Japan verbaut werden.
„Made in Japan“ ist ab Baujahr 2011 zu einem Stigma geworden. Es gibt Liebhaberbörsen für die letzten Modelle von Kameras, Spielkonsolen und Motorrädern, die garantiert vor der Verseuchung aus Japan exportiert wurden. Besonders begehrt sind Modelle, die unmittelbar vor dem Unfall auf den Markt kamen und bis zum Reaktorunfall nur in geringer Stückzahl hergestellt wurden.
Verschärft wird die Japan-Paranoia der Verbraucher durch die Angst vor den „Killerpartikeln“ aus Plutonium, welches in einem Reaktor in Fukushima in den Brennelementen enthalten ist. Ein einzelnes Partikel in der Lunge kann bereits die Ursache dafür sein, dass in seiner unmittelbaren Umgebung relativ schnell Zellen entarten und Krebs ausbricht. Einzelne Partikel sind bei Messungen aber nur mit großem Aufwand nachweisbar. Sicherheit bietet nur, japanische Produkte vollständig zu meiden.
Dieses Verhalten ist möglicherweise nicht völlig irrational. Beunruhigend ist eine steigende Zahl an Lungenkrebserkrankungen und Krebs des Verdauungstraktes auf Honshū, ohne dass man bei den Personen Anreicherungen von Jod oder Cäsium feststellen konnte, was für diese Krebsarten ohnehin untypisch gewesen wäre. Fachleute befürchten, dass es sich um Auswirkungen einzelner Plutoniumpartikel handelt, die zwar nur auf sehr kurze Distanz aber dafür umso härter strahlen. Es wurde ein Verbot erlassen, solche Personen nach ihrem Tod einzuäschern, um zu verhindern, dass das Plutonium wieder in die Atemluft gelangt.
Jod verliert zwei Jahre nach dem Unfall bereits an Bedeutung, weil es aufgrund seiner kurzen Halbwertszeit im Wesentlichen schon zerfallen ist, jedoch ist in den nächsten Jahren mit einer Häufung von Schilddrüsenkrebs zu rechnen. Von Cäsium wird erwartet, dass es mittel- und langfristig ebenfalls zu einer Häufung von Krebserkrankungen führen wird, weil es sich im menschlichen Organismus anreichert, insbesondere in den Knochen. Es dauert 30 Jahre, bis es nur noch halb so stark strahlt. Die Zahl der Fehlgeburten und Fehlbildungen sind in den Falloutzonen definitiv gestiegen, auch wenn es nicht einfach ist, von den japanischen Behörden exakte Zahlen zu bekommen.
Die internationale Kritik an der japanischen Regierung hat ihren vorläufigen Höhepunkt in einer UN-Resolution erreicht, in der Japan aufgefordert wird, der fortschreitenden Verseuchung Einhalt zu gebieten und die Reaktorruinen abzudichten. Längst sind Fukushima-Partikel auch in anderen Ländern angekommen. Was zunächst unbedenklich aussah, hat sich durch die inzwischen zwei Jahre andauernde Emission zu bedenklichen Werten an der amerikanischen Pazifikküste und auf dem chinesischen Festland konzentriert. Besonders China und die USA fühlen sich geschädigt. Es gibt Gerüchte, dass diese Länder die Passivität der japanischen Regierung bei der Abdichtung der Reaktorruine demnächst als aggressiven Akt einstufen wollen, was theoretisch auch militärische Interventionen möglich machen würde.
In der Tat muss der japanischen Regierung vorgeworfen werden, das Ausmaß und die Konsequenzen des Unfalles notorisch ignoriert oder kleingeredet zu haben und noch immer das Maß der sich ausbreitenden Verseuchung zu leugnen. Die Betreibergesellschaft Tepco wurde im Juni 2011 verstaatlicht, aber die Effizienz der Schadensbegrenzung hat sich dadurch nicht verbessert.
Maßnahmen zur Abdichtung der Ruine scheiterten überwiegend, da es erforderlich wäre, Helfer in großer Zahl unmittelbar vor Ort einzusetzen und mehr oder weniger von Hand Lecks zu orten, Wasserabflüsse zu stoppen, Leitungen zu reparieren und Risse zuzubetonieren. Wegen der Lebensgefahr wird davon jedoch abgesehen.
Die reaktoreigene Kühlung konnte nur bei einem Reaktor wieder in Betrieb genommen werden. Über riesige Ausleger und Wasserkanonen wird Wasser in und an die Reaktorbehälter gepumpt. Die Entsorgung und Dekontamination der enormen Wassermassen ist nur zu einem geringen Teil möglich und sie haben die Grundmauern der Reaktorgebäude destabilisiert, so dass die in der Region häufigen Erdbeben weitere Lecks in Wänden und Leitungen verursachen.
Roboter konnten nur eingeschränkt eingesetzt werden, so dass man annehmen muss, dass bis heute nicht alle Lecks identifiziert geschweige denn instandgesetzt wurden. Die vier Sarkophage sind noch immer nur in Planung. Wegen der Gefahr von Erdbeben und Tsunamis kann die Konstruktion des neuen Sarkophages für Tschernobyl in Fukushima nicht übernommen werden.
Bei allen Fehlern, die man der japanischen Regierung und der mit ihr verflochtenen Atomindustrie vorwerfen muss, kann nicht geleugnet werden, dass jede andere demokratische Regierung ebenfalls in einem Dilemma stecken würde. Um Schaden von Millionen abzuwenden konnte die sowjetische Diktatur 1986 das Militär einsetzen und mit Waffengewalt 600.000 Menschen zum Einsatz zwingen, die Tschernobyl mehr oder weniger mit der blanken Schaufel eingesargt haben. Die meisten starben unmittelbar oder später an Strahlenschäden. Für eine solchen Befehl fehlen nicht nur in Japan die gesetzlichen Grundlagen.
Umweltorganisationen verlangen deswegen weltweit nicht nur den Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie sondern auch neue Notstandsgesetze, solange diese Technologie genutzt wird. Sie sollen es ermöglichen, den Schaden schneller und besser einzugrenzen als dies in Fukushima der Fall war. Man müsse die Bürger in großer Zahl für den Katastrophenschutz ausbilden und bei einer Katastrophe notfalls mit Gewalt zum Einsatz zu zwingen können. Wenn Atom-Alarm gegeben würde, dann nicht, damit sich alle in Sicherheit bringen können, sondern damit alle zum Atomkraftwerk eilen und es notfalls mit Schaufel und Spaten zuschütten.
Seit der vergeblichen UNO-Resolution gibt es Spekulationen, dass China sich mit seinen jüngsten Protesten die Möglichkeit schaffen will, zu tun, was der demokratischen Regierung von Japan nicht möglich ist: Die japanische Bevölkerung mit vorgehaltener Waffe zu zwingen, Fukushima endlich dicht zu machen.
Das ist ein Szenario, von dem wir hoffen, dass es der Welt erspart bleibt. Es möge uns überhaupt erspart werden, 2013 einen solchen Bericht zu schreiben oder zu lesen. Dieser Wunsch wird wohl nur teilweise in Erfüllung gehen.
April 2011.
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