Indien-Blog 6: Pudding am Arsch. So fühlt sich eine Ayurveda-Kur an.

Die Reisbeutel sind – mit Verlaub – scheiße heiß und total schleimig. Babu und Nauwillin, meine indischen Masseure, haben sie in kochende Milch getaucht bevor sie sie dampfend auf meine Haut tupfen, gerade kurz genug, dass ich keine Verbrennungen erleide. Nach einigen Tupfern sind die Beutel soweit abgekühlt, dass Babu und Nauwillin in großen Strichen über meinen ganzen Körper massieren können, wobei sie die Reisbeutel kräftig auspressen. Ich überziehe mich mit caramelfarbenem Pudding. Buchstäblich, denn Reisstärke in Milch gekocht ergibt genau das: Pudding. Immer da, wo die Masseure gerade keine Wärme aufbringen, wird es nach wenigen Sekunden schon fast empfindlich kühl. Die Ursache ist die Verdunstung der wasserhaltigen Flüssigkeit. Zwischen meinen Fingern quatscht es, unter meinem Rücken glitscht es, der Arsch ist voller Pudding – ein sinnliches Vergnügen auf jeder Ebene, nur riechen tut man nichts.

Die Reisbeutelmassage ist eine Anwendung aus der jahrtausendealten indischen Heilkunst Ayurveda. Den Zweck erklärt meine etwas wortkarge indische Ärztin Dr. Darly James mit einem Wort: Nährend. Im Pudding sind Medizinkräuter, die auf diese Weise in großen Dosen unter Umgehung des Verdauungsapparates in den Körper eingebracht werden. Die Reisbeutelmassage fördert die Entgiftung. Nach jeweils sieben Tagen Anwendung bekommt man einen Einlauf, der die in den Darm ausgeschwemmten Giftstoffe vollends aus dem Körper befördert. Unmittelbar nach dem ersten Schiss wird Reissuppe mit Gemüse aufgetischt, die man tunlichst in großen Mengen zu sich zu nehmen hat, damit keine giftigen Gase im Darm aufsteigen und gegebenenfalls Kopfweh verursachen können.

Der Effekt der Reisbeutelmassage ist zunächst nicht sehr nährend sondern ermüdend. Außerdem werden alle möglichen alten Krankheitsgeschichten wieder ausgelöst. Meine Haut überzieht sich mit Ausschlägen und ich bekomme Rückenschmerzen. Der Kreislauf wackelt und was immer ich vorher noch an geistiger Aktivität aufbringen konnte, ist dahin.

Im Gegensatz zur Reisbeutelmassage ist die Kräuterbeutelmassage wärmend. Dabei sind die Baumwollsäckchen nicht mit Reis sondern mit Kräutern gefüllt und werden in siedendes Öl getaucht. Die Massage läuft gleich ab: Ein glühendheißer Stich beim ersten Auftupfen, wohlige Wärme beim Massieren. Der Zweck in diesem Fall: Kräuterbeutelmassagen reduzieren entzündliche Prozesse. Nach ein paar Tagen macht sich das daran bemerkbar, dass Gelenke knacken. Die kleinen unbemerkten Schwellungen sind abgeklungen und die Gelenke haben mehr Spiel. Ein paar Tage später haben Knochen und Gelenkkapseln ihre neue Position gefunden und das Knacken gibt sich. Auch hier nach sieben Tagen: Einlauf.

Parallel zu diesen Hauptanwendungen bekomme ich Stirngüsse mit kühler Molke, die mir, während ich auf dem Rücken liege, rund eine Stunde über die Stirn in die Haare rinnt. Babu und Nauwillin bewegen die Schale mit der Molke sanft hin und her, so dass der Strahl mir wie ein Finger sanft über die Stirn streicht. Diese Anwendung mit Namen Siro Dara soll meine nach Ansicht der Ärztin meine gelegentlich überhitzenden mentalen Aktivitäten abkühlen und den Geist beruhigen. Wie sie nur auf sowas kommt? Bei dieser Anwendung darf und soll ich sogar schlafen, sonst ein No-Go im Ayurveda. Ich scheine heftig dabei zu träumen, aber erinnere mich meist nicht daran. Nach dem Stirnguss sollen die Augen geschont werden, also keine Sonne und möglichst auch kein Lesen oder Bildschirm betrachten. Die Variante mit der Molke ist mir neu, von einer Ayurveda-Kur im Jahr 2003 kenne ich den Siro Dara mit warmem Öl. Dabei und danach darf man NICHT schlafen, was aber äußerst schwer einzuhalten ist.

Eine ganze Reihe lokaler Behandlungen ergänzt das Programm auf zeitweise über sechs Stunden pro Tag: Ölverbände und Ölbäder für mein ehemals gebrochenes Bein, ebenso Umschläge mit einem erdfarbenen Brei und den frischen Blättern einer Pflanze aus Dr. Darlys Kräutergarten. Sieht unglaublich nach Dschungelmedizin aus, ist aber wirksam. Die Flüssigkeitsansammlungen rund um den Bruch gehen zurück, die Schmerzen ebenfalls und die Beweglichkeit im Sprunggelenk wird besser. Hände und Füße werden täglich mit Öl eingerieben und in Kräuterwasser gebadet, nachmittags kommt noch für zwei Stunden eine dunkelrote Paste darauf, die mich für eben diese Zeit zur Bewegungsunfähigkeit verdammt, weil ich sonst alles einsaue. In der Folge löst sich nach einigen Tagen alte verhornte Haut, die im Zusammenhang mit Neurodermitis-Schüben zu Schrunden und blutenden, entzündlichen Rissen neigte. Nach drei Wochen habe ich an Händen und Füßen eine viel weichere neue Haut. Eine tägliche Gesichts- und Fußmassage mit medizinischen Ölen befördert weitere Medikamente in die Haut und soll die Nerven beruhigen. Alles in allem liege ich mit meinen Behandlungen bis zu vier Stunden pro Tage mehr oder weniger bewegungslos auf dem Rücken, und das zerrt dann doch eher an meinen Nerven, wo ich doch eigentlich kaum zehn Minuten still sitzen kann und die Rückenlage insgesamt nicht liebe.

Nach knapp fünf Wochen Kur werde ich entlassen. Nach dem fast vollständigen Erliegen meiner Aktivitäten komme ich zum ersten Mal wieder richtig raus. Der Verkehr in der 600.000 Einwohner Stadt Kochi erschlägt mich fast mit seinen sinnlichen Eindrücken. Ich habe vier Kilo abgenommen, was nicht selbstverständlich aber in meinem Fall willkommen ist. Ich schlafe wieder ohne Probleme ein und durch. Ich sehe fast wieder aus wie mit dreißig, wobei ich sowieso notorisch jünger wirke als ich bin. Ob sich die optische Verjüngung auch auf die Kondition auswirkt, werden erst die nächsten Monate weisen, denn für mindestens die doppelte Dauer der Kur ist hinterher noch Schonung angesagt.

Ärgerlich ist, dass mir meine Ärztin eine Menge Dinge aufgetragen hat, die mir nicht so recht passen. Ich soll nicht nur vegetarisch und ei-los leben sondern auf alle Süßigkeiten verzichten, ebenso auf Hefebrot, Kaffee, Schwarzen Tee, bestimmte Fischarten. Ich soll vor zehn ins Bett und spätestens halb sieben wieder raus, dann eine Stunde Yoga machen. Je mehr ich nachfrage, desto mehr Einschränkungen fallen ihr ein. Also vermeide ich die Themen Sex und Alkohol konsequent. Für die Nachkur bekomme ich ein großes Bonbonglas voller Pillen mit, drei Öle, zwei Salben und eine Paste zum Essen, die Dr. Darly für wohlschmeckend hält. So ausgestattet soll ich sechs Monate durchhalten und dann soll alles heile sein.

Sonst muss ich halt nochmal kommen. Das wäre das Schlimmste nicht.

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Indien, Matha Ayurvedic Hospital, Alleppey

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Bild von Martin Fütterer

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Fütterer

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