Essay: Lehren aus Afghanistan
Ob Genozid, Bürgerkrieg, Blutrache, Heiliger Krieg, Folter und Hinrichtung im Namen von Religion, Unterdrückung und Behandlung der Frauen als Eigentum und Ware: Es gibt viele Greuel in Afghanistan, aber keines davon haben die Afghanen erfunden. All das gab es auch in Mitteleuropa, und es ist teilweise noch gar nicht lange her. // Martin Fütterer
Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts machte Afghanistan trotz der schon zur Kolonialzeit massiven Einmischungen von Außen eine vergleichsweise normale gesellschaftliche Entwicklung durch: Von der Stammeskultur zu temporären, von mehreren Stämmen legitimierten Kriegsherren, die sich durch stehende Söldnerheere eine von den Stämmen unabhängige Macht verschaffen und ein Lehenssystem unter ihren Gefolgsleuten etablieren, zu einem schwachen, von Kriegsherren und Stammesfürsten abhängigen König, der es noch nicht mal zum absolutistischen Herrscher geschafft hat, aber, wie einige späte Monarchen Europas, als Modernisierer und Wegbereiter der Säkularisierung und damit Vorbereiter der Demokratie wirkte – soweit waren die Afghanen gerade gekommen. Nein, im 20. Jahrhundert waren sie noch nicht, aber auch noch nicht bei seinen dunkelsten Erfindungen, dem Nationalismus, Faschismus, Stalinismus und Maoismus.
Die Afghanen waren in den Städten vielleicht gerade im 19. Jahrhundert angekommen, auf dem Land noch ein Mischmasch aus Mittelalter (Feudalsystem) und Altertum (Stämme) mit archaischen Konflikten zwischen Nomaden und Ackerbauern, wie er vor 5.000 Jahren in der Geschichte von Kain und Abel und noch im 19. Jahrhundert zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern in USA ausgekämpft wurde. Dabei hatte sich das Land eine tolerante, nach innen gewandte Religiosität bewahrt, ein am Sufismus orientierter Islam, der mit Christen, Juden und Buddhisten friedlich zusammenleben konnte und in dem auch Schiiten und Sunniten besser miteinander auskamen als an vielen anderen Orten. Auf dem Land wurde und wird der Islam ohnehin vom Stammeskodex dominiert, vor allem bei den Paschtunen, deren Ehrbegriffe noch heute über der Scharia und weit über der Verfassung rangieren. Aber der afghanische Islam ließ auch ein vorsichtiges Maß an Modernisierung zu, wenn auch fast nur in den Städten, wo die Frauen kurze Röcke tragen und in Universitäten gehen konnten, ohne Schwierigkeiten zu bekommen.
Was nicht bedeutet, dass es in Afghanistan friedlich war. Im Laufe seiner Geschichte wurde Afghanistan immer wieder von außen bedroht und erobert, von Persern, Griechen, Arabern, Türken, Mongolen und Engländern, die zur ethnischen und kulturellen Vielfalt beitrugen, die man noch heute in den Straßen Kabuls sieht. Aber auch untereinander bekämpften sich Afghanen als Familien in Sippen, Sippen in Stämmen und Stämmen in Ethnien, wobei der Kampf um die knappen Ressourcen des klimatisch überaus rauen Landes ebenso eine Rolle spielten wie die archaischen Ehrbegriffe der Paschtunen, die als Gastfreundschaft und Familienloyalität ihre höchste, als Blutrache ihre grausamste und destruktivste Ausprägung fanden und finden.
All das spielte sich in einem Rahmen ab, der für die Opfer furchtbar, für die Entwicklung einer Gesellschaft jedoch normal war, nicht weniger schrecklich aber auch nicht schrecklicher als auf anderen Kontinenten. Die Afghanen waren weit davon entfernt, sich selbst auszurotten oder die Grundlagen ihrer Existenz zu zerstören. Sie terrassierten und bewässerten ihre Felder, züchteten Vieh, bauten Städte, schufen Literatur und Architektur. Sie verteidigten sich gegen Eroberer, trugen ihre internen Fehden aus, aber es ist die Frage, ob sie bis 1989 etwas so Schreckliches wie den Dreißigjährigen Krieg im Europa des 17. Jahrhunderts erleben mussten, nach dem die Bevölkerung um über 20% dezimiert war. Geschweige denn zwei Weltkriege und millionenfachen Holocaust. Für die wirklich großen Zivilisationskatastrophen fehlten ihnen bis dato zwei Zutaten: Massenvernichtungswaffen und Ideologien. Die bekamen sie von außen geliefert und damit auch Massenvernichtung, Genozid und Terror.
Als die Taliban in Afghanistan ihren Religionsterrorismus etablierten, wurde gerne davon gesprochen, dass sie Afghanistan ins Mittelalter zurückgestoßen hätten. Doch die Taliban sind, wie die Inquisition, ein Produkt der Moderne, nämlich die Antimoderne, die sich erst bilden kann, wenn konservative gesellschaftliche Schichten durch Aufklärung und Modernisierung ihren Halt verlieren. Nicht unbedingt schon Macht und Einfluss aber Orientierung und innere Sicherheit. Modernisierung bedeutet vor allem den Verlust an innerer Sicherheit auch bei denen, die keine Existenzsorgen haben. Wo es vorher durch Religion und Tradition eindeutiges Richtig und Falsch gab, schafft die Moderne durch ihre Wissenschaftlichkeit den beständigen Wandel von Weltbildern und Werten. Moderne Wissenschaft ist der institutionalisierte Zweifel am Offensichtlichen, das erste Weltbild, in dem der die höchste Ehre bekommt, der beweist, dass eine bisher unbezweifelte Tatsache falsch ist. Das erste Weltbild, das die Hinterfragung der Paradigmen zum Prinzip erhebt. Ungeachtet dessen, dass Wissenschaftler als Menschen ohne weiteres dogmatisch sein können.
Dieser prinzipielle Zweifel an Gott ebenso wie der Welt ist für die meisten Menschen schwer auszuhalten, selbst für uns, die wir schon einige Jahrhunderte damit leben. Er beschleunigt den gesellschaftlichen Wandel, zerstört Strukturen, erhöht die persönliche Freiheit ebenso wie die persönliche Verantwortlichkeit. Er zieht den Boden unter den Füssen weg und die Sehnsucht nach Gewissheiten wird überstark. Dann kehren vormoderne Werte in übersteigerter, pervertierter und missbrauchbarer Form zurück und äußern sich als Terror, Diktatur und Glaubenskrieg, schlicht: Als Ideologie. Dass die Taliban kein Produkt des traditionellen afghanischen Islam sind, zeigt ihre Entstehungsgeschichte: Durch die sowjetische Invasion verwaiste Paschtunenjungen werden in Madrassas, Koranschulen, ins benachbarten Pakistan geschickt oder dorthin rekrutiert. Diese Madrassas werden gegründet und finanziert von Wahabiten, einer Richtung des Islam, die im 18. Jahrhundert (Industrialisierung und Kolonialismus!) in Arabien entstand, und im 20. Jahrhundert zur Staatsdoktrin und zu einem Exportartikel Saudi Arabiens wurde. Verunsichert durch den Ölkapitalismus und die damit verbundene technische, mediale und soziale Modernisierung suchen die Saudis nicht nur an einer antimodernen Lebensform festzuhalten sondern finanzieren die gewaltsame Durchsetzung dieser Maxime in anderen Ländern. Wenn in Saudiarabien der Gottesstaat und wahre Islam schon nicht mehr makellos glänzt, dann soll doch wenigstens in anderen, „unschuldigeren“ Ländern ein Paradies der Gottesfürchtigkeit entstehen – und zum Seelenheil seiner Finanziers beitragen.
Fundamentalismus ist vielleicht die Angst davor, dass es kein Fundament geben könnte, keinen festen Boden von Wahr und Falsch, von Gut und Böse. Es ist buchstäblich eine „Grund“angst, die Angst, dass es keinen Grund gibt. Es ist die Angst vor dem Tod und der Vergänglichkeit. Nicht umsonst versprechen fundamentalistische Bewegungen besonders eindrücklich ein Leben nach dem Tode. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang der Begriff Fundamentalisten allerdings falsch oder einseitig angewendet. Die Suche nach einem Grund ist ja nicht ansich schädlich. Ein Franziskus von Assisi war Fundamentalist, als er zu ursprünglichen Werten des Christentums zurückkehren und der korrumpierten Kirche den Rücken kehren wollte. Desgleichen Martin Luther. Für die Ideologieterroristen aller möglichen religiösen und politischen Richtung ist vielleicht eher der Begriff „Ultras“ zutreffend. Ultra-Moslems sind welche, die sich jenseits (ultra) des Islams befinden, der Drogenkonsum und Selbstmordattentate alles andere als gutheißt. Die also das Fundament des Islam verlassen haben, sich jenseits, abseits davon bewegen. Wie die Taliban und die Al Qaeda.
Zu den besonderen Feindbildern der von der Moderne Verunsicherten gehört der Kommunismus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Kampf erst gegen das eigene kommunistische Regime in Afghanistan und dann gegen die sowjetisch-kommunistischen Invasoren die Gotteskrieger, die Mujaheddin hervorbrachte und ihnen soviel internationale Unterstützung eintrug. Unterstützung von der Antimoderne Saudi Arabiens ebenso wie von der Antimoderne der USA. Denn der Kampf gegen den Kommunismus hatte in den scheinbar so modernen USA auch immer etwas von einem heiligen Krieg gegen „Das Reich des Bösen“, wie es Ronald Reagan gerade in der Zeit des Krieges gegen die Sowjets in Afghanistan nannte. Wenn Menschen der Moderne solche Vokabeln gebrauchen, dokumentieren sie damit, dass ihnen die Moderne mit ihrer Relativität und wissenschaftlichen Sachlichkeit unheimlich und unheilig erscheint.
Grotesk ist dabei, dass der Kommunismus ziemlich sicher ebenfalls zur Antimoderne gehört. Zwar verspricht er nicht das Paradies nach dem Tode aber das Paradies auf Erden. Wer aber ein Paradies verspricht, der verschließt die Augen davor, dass man nach Paradiesen nur streben, sie aber niemals erreichen kann, egal wo man das Paradies ansiedelt. Moderne bedeutet, den Apfel der Erkenntnis zu essen und aus dem Paradies vertrieben zu werden. Antimoderne möchte den Apfelbiss ungeschehen machen und zurück ins Paradies und auf den Vaterschoß.
So bekämpft denn die religiöse Antimoderne die Gottlosigkeit und die (versprochene aber nie eingehaltene) soziale Egalität der kommunistischen Antimoderne. Die kommunistische Antimoderne bekämpft die hierarchische Ordnung und den Determinismus des Gottes- und Ständestaates. Und beide schaffen dabei die Hölle auf Erden, indem sie Soziopathen erlauben, das tiefe Bedürfnis der Massen und der Eliten nach Klarheit, Wahrheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Gemeinsamkeit zur Errichtung blutrünstiger Terrorregime zu missbrauchen.
Und wo sind bei all dem die Kapitalisten? Es scheint, dass der Kapitalismus keine Gesellschaftsform ist, sondern eine immer vorhandene, wirtschaftliche Dynamik. Zumindest dann, wenn man ihn auf die Formel herunterbricht: Geld will zu Geld. In der deutschen Wirtschaftswissenschaft der Begriff Kapitalismus mit dem Begriff Marktwirtschaft gleich- bzw. ersetzt, was fragwürdig erscheint, hat doch die Kumulation von Kapital immer das Ziel, Marktwirtschaft und Wettbewerb außer Kraft zu setzen und ein Monopol zu errichten. Dabei spielt es für die Ausgebeuteten und vom Markt Ausgeschlossenen keine Rolle, ob das Monopol in den Händen eines Monarchen, einer kommunistischen Partei, eines Konzerns oder einer religiösen Oligarchie liegt. Geld will zu Geld. Und deswegen spielt der Kapitalismus auch in Afghanistan eine unheilige Rolle.
Natürlich gehört zu den Motiven der internationalen Einmischung in Afghanistan auch Geld. Afghanistan ist wegen seiner geografischen Lage ein Durchgangsland, ein Nadelöhr zwischen den kargsten Wüsten und den höchsten Gebirgen der Welt. Selbst nicht eben mit Rohstoffen gesegnet liegt es auf dem Weg, den Rohstoffe von der Quelle zu den Verbrauchern nehmen müssen. Öl und Gas aus Zentralasien an den indischen Ozean – unter Umgehung der russischen Einflusssphäre und deswegen eminent interessant nicht nur für die aufstrebenden asiatischen Industriestaaten sondern auch für den Westen. Und alle anderen Waren und Güter auf dem gleichen Weg wieder zurück nach Zentralasien, wo man für die Devisen aus Öl und Gas ja auch etwas kaufen möchte. Hier kämpfte erst das kommunistische Staatsmonopol gegen die privatkapitalistischen Konzerne des Westens, vornehmlich der USA. Heute ist man pari: Weder in Russland noch in den USA ist noch klar, ob der Staat den Konzernen oder die Konzerne dem Staat gehören. Mit fairem Wettbewerb hat das jedenfalls nichts zu tun sondern mit dem beinharten und bewaffneten Kampf um Ressourcen und damit Wohlstand und Macht.
So werden also in dem bis in die 80er Jahre sich halbwegs normal entwickelnden, nur von Hippies geschätzten Land seither und bis heute die Kriege von Außenstehenden ausgefochten: Zwischen Wirtschaftsblöcken und zwischen den Ideologien der Antimoderne. In dieses Land ist hundert- oder tausendfach so viel Waffenhilfe und direkte militärische Aktion geflossen wie Entwicklungs- oder Wirtschaftshilfe. Der Wahnsinn von Afghanistan ist, dass einige zig- oder hunderttausend Irre mit Gewehren, Panzern und Raketen eine Bevölkerung von 30 Millionen als Geisel halten. Aber hat Afghanistan diese Gewehre finanziert? Wohl kaum, Afghanistan ist pleite. Stimmt nicht ganz: Das Opium nährt den Krieg, allerdings nur, solange der Westen die Ware kauft.
Die Einmischung von außen hat neben den ideologischen Taliban die Warlords gefördert oder erst hervorgebracht. Zu einem beträchtlichen Teil sind sie die Oberhäupter mafioser Strukturen, die wie die sizilianische Mafia doppelgesichtig ist: Als Widerstandsorganisation gegen Usurpatoren und Regenten, als Schutzgemeinschaft und Versorgungsstruktur. Und als Verbrecherorganisation, die sich über kurz oder lang gegen die Bevölkerung wendet, die sie zu schützen und zu versorgen vorgibt, in der also der Macht- und Geldtrieb einzelner sich gewalttätig gegen den Gemeinnutzen durchsetzt.
Für den gewaltigen Input an Gewaltpotential nach Afghanistan revangiert sich Afghanistan auf zwei Wegen: Es beherbergt und exportiert Terroristen und Drogen. Sowohl Drogen als auch Terror zeigen, wie sehr die unselige Einmischung von außen das Schlechteste im Land und seiner Bevölkerung hervorbringt. Für einen Moslem ist Opium eine Sünde. Für die ultra-islamischen Taliban ein Mittel zum Zweck, ebenso wie die Selbstmordattentate.
Heute wird gemeldet, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Zukunft verloren hat. Und in die internationalen Truppen. Soll man Afghanistan sich selbst überlassen? Der Gedanke hat einiges für sich. Es ist nicht so unwahrscheinlich, dass es isoliert zwar noch viele interne Kämpfe und Rückschläge aushalten müsste, aber die afghanische Gesellschaft sich reorganisieren und dem langfristigen Trend zur Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit folgen würde – im Laufe der nächsten 50 oder hundert Jahre.
Eine Chance gäbe es allerdings nur, wenn Afghanistan nur über eine Bewaffnung verfügen würde, die seiner normalen Wirtschaftskraft entspräche. Also Messer und Jagdgewehre. Solange durch Drogenexport, Waffenhilfe und Waffenschmuggel Massenvernichtungswaffen in die Händen von Wahnsinnigen bzw. skrupellosen Macht- und Geldgierigen gelangen, kann die afghanische Gesellschaft der Bauern, Händler, Handwerker und Bürger keinen wirksamen Widerstand dagegen leisten, von diesen soziopathischen Kräften terrorisiert zu werden. Ein Volk kann sich von Usurpatoren, religiösen Ultras, Feudalherren, Warlords und mafiosen Klüngeln nur befreien, wenn es diese notfalls mit Hacken und Sensen vertreiben kann – unter Opfern aber mit Chancen.
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