Indien-Blog 3: Die unheimlichen Reize der indischen Nacht
Wer kurt, sucht Ruhe und Ungestörtheit. Wer in Indien kurt, braucht Oropax. Ein Führer durch die indische Nacht.
21:00 am Rand von Alleppey, einer Kleinstadt von 200.000 Einwohnern im südindischen Bundesstaat Kerala. Das Matha Ayurvedic Hospital liegt so ziemlich am Ende des Straßennetzes, eigentlich eine ruhige Lage. Grillen zirpen, eine letzte Motorrikscha pröpelt zweitaktend vorbei. Leises Gedudel dringt noch aus der Richtung eines Hindutempels, es läuft eine CD mit geistlicher Musik komischerweise untermischt mit den hallenden Geräuschen einer Geisterbahn und „Uhs!“ und „Ahs!“ wie von sterbenden Actionhelden. Spielt der Brahmane etwa ein Computergame und hat seinen PC mit den Außenlautsprechern gekoppelt? Oder ist es doch ein Fernseher aus der Nachbarschaft? Es bleibt ein Hintergrundgeräusch, rätselhaft aber einlullend. Menschen sind kaum noch auf der Straße, das Leben kommt zur Ruhe.
21:30 ist die Zeit, zu der ayurvedische Kurgäste schlafen gehen sollen. Also Ohr an die Matratze und Augen zu. Schließlich wird man um 6:30 schon wieder mit Tee geweckt zur morgendlichen Jogastunde. Kaum zieht der erste Traumschleier vorbei, ist draußen vor dem Fenster plötzlich die Hölle los: Anscheinend ist ein fremder Köter ins Revier eingedrungen, jedenfalls spielen alle dreißig Hunde in der Nachbarschaft verrückt und kläffen und knurren sich die Seele aus dem Leib. Der Störenfried verzieht sich wieder, die Hunde aber sind jetzt schon mal wach und beschließen, eine Oper von wagnerischen Ausmaßen aufzuführen. Es wird geheult wie tausend Wölfe, manche Hunde klingen allerdings eher nach gewürgtem Hahn oder kalbender Kuh. Der Störenfried findet das schön und kommt zurück, alle Hunde werden wieder tollwütig.
22:00 während die Hunde mal kurz eine Pause einlegen, nähert sich aus der Ferne eine B52 im Feindanflug. Nein, das anschwellende Dröhnen stellt sich beim Näherkommen als Zug heraus, von einer riesigen bollernden Diesellok über die etwa 500m entfernte Bahnlinie gezogen. Deren Lokführer hat im Gegensatz zu einem deutschen richtig was zu tun, denn alle paar Meter gibt es einen unbeschrankten Bahnübergang und zumindest tagsüber dienen die Gleise auch als Fußweg. Also bedient der Lokführer im Sekundentakt die wichtigste Sicherheitseinrichtung jedes indischen Fahrzeuges – die Hupe. Die hat in diesem Falle die Ausmaße eines Nebelhorns und außerdem mehrere Stimmen, die nicht zueinander passen.
22:30 bis 24:00 Hunde und Zug wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit ab, dazwischen klingeln Handys und knattern doch noch ein paar Motorrikschas am Haus vorbei. Natürlich wird dabei gehupt. Die Geisterbahn und die sterbenden Actionhelden stellen sich als Bollywood-Drama heraus, dass der stolze Besitzer eines Fernsehers seinen weniger privilegierten Nachbarn nicht vorenthalten will.
24:00 wegen Übermüdung tritt Ohnmachtsschlaf ein, die Dokumentation muss unterbrochen werden.
01:00 Es rumpelt in der Zwischendecke. Tiere von der Größe einer Ratte jagen sich trippelnd hin und her, das Gebälk knackt. Die Ohnmacht kehrt wieder.
03:45 Kikeriki! Anscheinend halten alle Nachbarn Hühner und vor allem Hähne. Von nah und fern gockelt und gackelt es durch die ansonsten ruhige tropische Nacht, was bedeutet, dass außerdem etwa hundert Grillen um das Haus herum zu Werke sind. Man kann verschiedene Arten unterscheiden, zum Beispiel das helle regelmäßige „Rietschrietschrietsch“ und das eher verhaltene „Prülilitt – prülilitt“. Auch Vogelarten beginnen ihr Tagwerk mit Gesang, vorherrschend sind die Krähen, die nicht so sehr singen, sondern den ganzen Tag krächzend miteinander streiten und damit schon den Tag beginnen. Die Lautäußerungen einer anderen Vogelart kommen höhnischem Gelächter verdächtig nahe. Immerhin sind noch keine menschlichen Geräusche zu identifizieren.
Das ändert sich schlagartig um 04:00. Der Hindutempel nimmt die Beschallung der umliegenden etwa zehn Quadratkilometer mittels seiner leistungsfähigen Musikanlage wieder auf. Zunächst ruhige geistliche Musik (also asiatisch atonales Gejammer) in gemäßigter Lautstärke. Liebhaber finden das meditativ. Die ersten Leute sind auf der Straße, die ersten Motorrikschas unterwegs, diesmal Dieselmodelle mit schwerem Nageln. Es klingt wie ein Schwarm kleinerer Traktoren - sehr ländlich. Der erste Zug donnert heran und aus den umliegenden Häusern dringt das gurgelnde Hochziehen und röchelnde Auskotzen von Rotz, welches der morgendlichen Reinigung dient und auch vom Ayurveda empfohlen wird.
04:30 Im Hindutempel findet die erste Andacht statt. Mantras werden in höchster technisch machbarer Lautstärke rezitiert, was teilweise monoton getragen, in der hiesigen Landessprache Malajalam teilweise auch maschinengewehrartig oder wie eine Fußballreportage klingt. Der Tempel ist einen guten Kilometer weg, zu Fuß zumindest. Akustisch betrachtet steht er mitten im Schlafzimmer. Ein kleinerer Tempel, nur 250 Meter entfernt gelegen, versucht gegenzuhalten, hat aber gegen die akustische Lufthoheit des großen Bruders keine Chance. Allein, das Zusammenspiel der Darbietungen erzeugt ein gewisses Chaos und man ist froh, dass nicht auch noch Kirchenglocken dröhnen oder ein Muezzin seine Gläubigen mit dem Megaphon aus dem Schlaf jault. Dabei gibt es hier durchaus zahlreiche Christen und Moslems.
Bis 6:30 ändert sich an dieser Lage wenig, es nimmt vor allem die Masse zu: Mehr Gläubige, die Mantras singen, mehr pröpelnde und nagelnde Rickschas, hupende Autos, klingelnde Fahrräder, knatternde Motorräder, piepsende Handies, alle Fahrzeuge permanent hupend; kläffende Hunde, gackernde Hühner, schimpfende Krähen, rotzende und schwatzende Menschen und ratternde Züge. Es ist, als ob das Bett mitten auf einer Straßenkreuzung stehen würde, auf der eine landwirtschaftliche Leistungsschau, eine Messe, eine Disko, ein italienischer Feierabendstau und ein Markt abgehalten würden, denn jetzt kommen auch noch die fliegenden Händler und rufen von ihren Fahrrädern alle zehn Sekunden „Jo!“, was den Kenner darauf hinweist, das man bei ihnen Fisch kaufen kann. Wenn man schnell genug ist, denn zack, sind die Händler auf ihren schnellen Fahrrädern schon wieder weitergefahren. Immerhin hat der Hindutempel jetzt ein Einsehen, die Andacht ist vorbei und an ihre Stelle tritt wieder Musikberieselung in gemäßigter Lautstärke, jedenfalls hier, wo man einen Kilometer weit weg ist.
Es ist ohnehin Zeit zum Aufstehen. Man tritt an das Fenster, schaut hinaus und traut seinen Augen nicht. Anstelle der lebhaften Großstadtkreuzung, die man akustisch vermutet hat, erblickt man ein schmales, kaum geteertes Sträßchen mit einer Abzweigung, zwei kleine Ladenbuden und ringsum einige kleine Häuser versteckt unter Palmen und Mangobäumen. Sehr ländlich. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es dann im Stadtzentrum zugeht.
Freundliche Menschen in durchaus überschaubarer Anzahl gehen und fahren auf Fahrzeugen aller Art und stören sich nicht im Geringsten am dem infernalischen Lärm, tragen vielmehr quietsch vergnügt ihr Scherflein dazu bei, soweit ihre technischen Möglichkeiten reichen. Die Toleranz gegenüber allem und jedem ist unendlich. Anscheinend haben alle gut geschlafen, sind frisch um vier Uhr aufgewacht, haben ausführlich Morgentoilette gemacht, Rotzen inbegriffen, Vieh und Kinder versorgt, eine Andacht verrichtet, sich für den Tag hübsch angezogen und frisiert – besonders die Frauen brauchen dazu bestimmt eine Stunde, so gepflegt wie sie aussehen – und haben schon die ersten Geschäfte abgewickelt. Unsereins hingegen schaut übermüdet und gereizt aus den verquollenen Augen und wundert sich über so viel Vitalität und Gelassenheit am frühen Morgen.
Vielleicht besteht die Kur hier nicht aus der Ungestörtheit von außen, sondern im Erlangen einer Ruhe von Innen? Ansonsten gibt es ja Oropax.
P.S.: Der Qualität der Ayurveda-Kur tut das alles keinen Abbruch. Und wer schlecht schläft, wird im Laufe der Kur ohnehin darauf behandelt. Dass das Hospital nicht die ruhigste Lage hat, ist dann gleich ein guter Test auf Wirksamkeit der Behandlung.
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