Indien-Blog 5: Backwater Tour bei Alleppey - sehr entspannend
Also mal wieder Backwaters, Keralas hunderte Kilometer langes System von Kanälen und Seen, das sich zwischen arabischer See und Kardamom-Mountains erstreckt. Für mich ist es die dritte Tour und sie ist auch nicht spannender als die erste.
Auf den Backwaters fahren Linienschiffe wie auf der Straße der Bus. Von Alleppey nach Kottayam oder Changanacherry zum Beispiel, und sie sind noch billiger als ihre vierrädrigen Artgenossen. Allerdings auch genauso oft halbe Wracks: rostig, verfault, tief im Wasser liegend, nach einer Seite krängend, aber voll von Menschen bis auf das Dach. Mit meinen zwei Reisegenossen besteige ich ein kleineres, ein Touristenboot, und komme gleich an einem Schiffsfriedhof vorbei, in dem ein halbes Dutzend Linienschiffe halb oder dreiviertel versunken zwischen den Wasserpflanzen liegt. Ein sehr friedliches Bild, weit weniger dramatisch als die ausgebrannten Buswracks an der Straße. Wenn so ein Linienschiff untergeht, dann sicher so langsam, dass keiner zu Schaden kommt.
„Friedlich“ ist ein Wort, dass die Backwaters sehr gut beschreibt. Spannend ist was anderes. Das einzig Hektische hier ist unser Außenborder, der unsere Barke trotz höchster Drehzahl kaum über Schritttempo hinaus „beschleunigt“. Kokospalmen säumen die Ufer, alles ist üppig grün. Tiere sind kaum zu sehen: Ein paar Krähen, ein paar Möwen, ein paar Libellen und ein einziger Kingfischer auf einer Telefonleitung. Ab und zu kringelt sich das Wasser, wo Fische an die Oberfläche stoßen.
Links liegen gut fünfzig Hausboote in allen Größenordnungen, bis zum schwimmenden Hotel mit Küche, Schlafzimmer, Salon und Air Condition. An vielen wird repariert, renoviert oder neu gebaut. Jetzt im Dezember scheint nicht gerade Hauptsaison zu sein. Nach den Werften immer wieder Häuser auf dem schmalen Streifen zwischen dem Wasser und den Reisfeldern, beschattet von den allgegenwärtigen Kokospalmen. Ein Haus hat etwa dreißig Quadratmeter für eine Familie von fünf bis sieben Personen. Vermutlich einen Hauptraum mit Feuerstelle zum Kochen und einen Schlafraum für alle. Bad gibt es keins, dafür dient der Kanal. Immer wieder sieht man Menschen sich am Ufer oder im Wasser stehend waschen, auch Wäsche und Geschirr werden gereinigt. Dazwischen ab und zu ein kleiner Hindutempel, der die Dämmerung mit Musik beschallt, wie das in Indien allgemein üblich ist. Vielleicht, weil sich hier nicht jeder ein Radio leisten kann.
Nach einer guten halben Stunde kommt schon nichts Neues mehr. Auf den wenigen Hausbooten, die unterwegs sind, sieht man Menschen mit ebenso träumerischem Blick, wie wir selbst wahrscheinlich einen haben. Besonders weiße Touristen hängen schlaff in den Rohrsesseln, eine Hand lässig baumelnd, die andere am Wiskyglas. Soweit man das auf die Entfernung beurteilen kann.
Ideal erscheinen die Backwaters für Flitterwochen und Liebespaare. Nach fünfzehn Minuten hat man eigentlich das Wesentliche gesehen und kann zum Wesentlicheren übergehen, zum Beispiel der Geliebten völlig unabgelenkt ins Auge zu schauen. Ganz anders als in Venedig, wo an den Ufern der Kanäle eine Sehenswürdigkeit die andere jagt. Dort ist der Galan üblicherweise nicht in den Augen seiner Geliebten versunken, sondern klebt am Objektiv seiner Digital- oder Videokamera, während die Geliebte gelangweilt nach der anderen Seite schaut. Man ahnt schon, welche romantische Stimmung aufkommt, welch überwältigende gemeinsame Erinnerung, wenn die Bilder zuhause der Verwandtschaft vorgeführt werden. Leider klebt auch der indische Galan am Objektiv, während die indische Galantine ebenso vernachlässigt schaut, wie ihr Gegenstück in Venedig. Fragt sich nur, was die indischen Technikfreaks hier fotografieren oder filmen. Tausend Variationen von Grün?
Landgang während unserer zweistündigen Tour ist bei einem Kiosk. Hier gibt es Coconut Drinks. Sie werden hergestellt, indem man eine kleine unreife Kokosnuss einkerbt und einen Strohhalm durch den Spalt ins Innere schiebt. Damit kann man die klare, süßsäuerliche Flüssigkeit schlürfen, aus der später im reifen Zustand die Kokosmilch werden würde. Leer getrunken wird die Nuss halbiert und das noch weiche, fette Nussfleisch herausgelöst und gegessen. Zwei von uns bringen es nicht über sich, auch nur das Kokoswasser auszutrinken. Als wir zuhause unsere Inder fragen, ob sie sowas mögen, finden wir auch da keinen Fan. Aber zwölf Rupies pro Nuss sind kein echter Verlust für die Reisekasse (20 Cent). Die Hauptattraktion des Kiosks ist der zahme Seeadler, der üblicherweise auf dem Firmenschild sitzt. Einigermaßen bereitwillig lässt er sich von jedem hergelaufenen Touristen auf den Arm nehmen und fotografieren.
Zurück fahren wir im Dunklen. Unsere Positionslampe ist ein kleines batteriegetriebenes LED-Fahrradrücklicht, das hingebungsvoll am Dache blinkt. Wieder mal ein Beweis dafür, dass wir in Europa und vor allem Deutschland den totalen Sicherheitsoverkill haben, denn wir werden nicht von anderen Schiffen versenkt.
P.S.: Einmal sollte man sich eine Backwater-Tour auf jeden Fall gönnen, wenn man schon in der Gegend ist. Es ist jedoch kein Fehler, sich unterhaltsame Reisegenossen und gegebenenfalls ein paar Gesellschaftsspiele mit zu nehmen. Romantiker, die den Finger vom Auslöser lassen, können sich hier allerdings tagelang ungestört der Gespielin widmen. Auf größeren Booten auch mit Koch, Butler und Separee. Wenn es möglich ist, dann sollte man die Backwaters als Verkehrsweg nutzt. Sie sind eine geruhsame und vergleichsweise sichere Alternative zu den Abenteuern der indischen Straße und auf den Linienschiffen gibt es jede Menge indisches Alltagsleben live.
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